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18
Nov
2008

Antwort auf eine Frage, die nicht im PISA-Katalog steht

Ich frage mich, wie ich als Schüler reagiert hätte, wenn es damals schon PISA-Tests gegeben hätte. Bewusst falsche Antworten hingeschrieben, um zu verhindern, dass meine Nation oder mein Bundesland eine Chance bekommt, stolz auf mich und meinesgleichen zu sein? Für mich selbst die Kriterien umdefiniert und meinen privaten Wettbewerb organisiert, bei dem es darum gegangen wäre, die maximal dumme Antwort zu finden, die auf eine Frage möglich ist?

S. hat vor ein paar Jahren mal gesagt, was man an unserer Generation lobend hervorhebend könne, sei ihre ziemlich konsequente Weigerung, zu einer Generation von Hochleistern zu werden, die ihr Leben auf Spitzenkarrieren ausrichten. Ich stimme ihr da zu. In der Generation unserer Eltern sind diejenigen, die mit hoher Energie gegen das Establishment opponierten, in den Institutionen nach oben gespült worden und haben dort mit ebenso hoher Energie Machtpositionen erarbeitet und befestigt. Unsere Opposition war weitaus weniger dramatisch, zögernder, dabei von einer leicht überheblichen Gleichgültigkeit unterstützt, ja zuweilen getragen, von der vielleicht erst heute deutlich wird, dass sie eine wirksame Kraft des Widerstands darstellt - nachhaltiger als das zornige Dagegen-Anrennen, dessen Aggressivität sich irgendwann in die Bindungsenergie dessen konvertiert findet, wogegen man angerannt ist. Und hinter unseren Ambitionen stand ein sehr klares "zu meinen Bedingungen", was im Zweifelsfall bedeutete: dann eben vorerst nicht.

Tatsächlich fällt mir diese Weigerung, am Leistungswettbewerb mit bedingungslosem Einsatz teilzunehmen, an vielen ungefähr gleichaltrigen Freunden und Kollegen auf. Es sind gar nicht alle erfolglos, manche sogar in sehr respektablem Maße erfolgreich und fast schon ein bisschen berühmt. Die meisten aber haben sich (wie ich) Nischen gesucht, wo sie etwas tun können, was sie wollen, ohne allzu schmerzhafte Zugeständnisse zu machen; und dafür nehmen sie das Ausbleiben des großen Durchbruchs in Kauf, ohne damit zu kokettieren (denn es ist eben bloß ein Ausbleiben, kein Verkanntwerden).

Ich will nicht darüber spekulieren, ob das auf bewusst getroffene Entscheidungen zurückgeht oder auf die Unfähigkeit, sich anders zu verhalten. Das, was ich charakterliche Größe nennen würde, verbindet sowieso beides. Aber bei aller Abneigung gegen Konstruktionen wie "Generation X", "Generation Y" hat es etwas Erfreuliches, mich als Angehörigen eines Zwischenalters zu sehen, dem, mit Rilkes (sicher unkorrekt zitierten) Worten, das Spätere noch nicht und das Frühere nicht mehr gehört. Und obgleich wir in der offiziellen Geschichte, die von den Späteren geschrieben werden wird, einmal als lost generation erscheinen oder vielmehr verschwinden dürften, genießen wir doch ein Privileg: Des in Klassenkampf sublimierten kleinbürgerlichen Ehrgeizes der 68er ledig, finden wir uns andererseits kaum imstande, uns in den Exzellenzkämpfen der Hartz IV-Gesellschaft mit mehr als dem Nötigsten zu engagieren, weil wir die existenzielle Panik nicht zu empfinden vermögen, die sie antreibt (wir sind schließlich auch sehr träge und abgesehen von einer gewissen Lust am Luxus fatal genügsam, wenn es um den Lebensstandard geht). Und sind daher frei, Dinge zu tun, für die weder damals Zeit war noch in Zukunft sein wird.

Ich beginne die Zeit meines manchmal anstrengenden, aber nicht eben hektischen Arbeitens immer mehr als ein solches Währenddessen zu schätzen: eine Gegenwart, die höchstwahrscheinlich a-historisch gewesen sein wird, weil weder die alte noch die neue Definition von historischem Fortschritt Verwendung für das hat, was sie hervorbringt - die aber eben dadurch auf wunderbar ungeizige Weise dauert und dem, was ich denke, etwas von der Freigiebigkeit ihrer Dauer verleiht.
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