20
Nov
2008

Ein Kind haben

Nach längerer Zeit H. getroffen. Sie hat fünf oder sechs Freundinnen aufgezählt, die zurzeit schwanger sind. Und das verhärtete Gesicht imitiert, das sie bei ihrem Partner beobachten musste, als er einer von denen begegnete.

H. bekräftigt, sie sei hundertprozentig sicher, dass sie kein Kind will. Ich wollte, ich wäre mir in der spiegelverkehrten Situation mit R. ebenso sicher.

Der Unterschied ist wahrscheinlich auch, dass H. ihren Freund verzichtbarer findet als ich R. Seine Enttäuschung schmerzt sie, aber so, als hätte er ein körperliches Leiden, mit dem sie nur als Zeugin und Begleiterin zu tun hat. Ich dagegen würde mich wohl ein Leben lang persönlich für R.'s Unglück verantwortlich fühlen.

Aber die "einfache Wahrheit", dass wir "nicht zusammenpassen", dass unsere "Vorstellungen vom Leben" zu verschieden sind - das kommt mir vor wie eine unzulässig banalisierende Interpretation, wie wenn man die Handlung eines Romans von Musil in den Kategorien wiedergibt, die Zeitschriften verwenden, um von "Männnern" und "Frauen" zu sprechen. (Wobei man sich heute zweifellos lächerlich macht, wenn man das eigene Leben für einen Roman von Musil hält.)

Was mich am meisten ärgert an dieser Lebensentscheidung mit dem Titel Ein Kind haben ist, dass es nur das Ja und das Nein zu geben scheint. Alles andere, das Wie des Entscheidens und des Entschiedenen, die Bedeutung, die vielen widersprüchlichen Gefühle dabei, werden restlos in dem Ja oder dem Nein verschwinden. Es ist nicht wie beim Heiraten, wo man bis zum Ende immer wieder Zeit hat, allein oder gemeinsam zu bestimmen, was das heißt: verheiratet sein. Beides, das Ja ebenso wie das Nein, ziehen im Falle des Kindes, das sie zur Folge haben oder blockieren, eine Gleichgültigkeit um sich zusammen: eine eisige beim Nein; eine dümmliche beim Ja.

Und mein Herz ist voll von kleinlichen Erwägungen, welcher Verlust von Bestimmungsmacht über das, was unser Leben werden sollte, der etwas geringere oder eher verschmerzbare wäre. Und welche Arbeit, es R. nicht zu verübeln, dass sie mich in die Rolle des feigen Berechnenden zwingt! (Sie hat ein Recht, diese Entscheidung von mir zu verlangen. Ja, aber mein Dasein bislang ist ein einziger Aufstand gegen die Ordnung, die ihr dieses Recht verleiht.)

Sie will am liebsten zwei. Kein Einzelkind wie mich.
en-passant - 21. Nov, 16:38

Das Herz ist sonst kleinlicher sowieso...

Natürlich bin ich nur ein Mann aber... ich wünschte heute, es wäre damals, auch in der Situation, als mir gar nicht erlaubt war darüber zu entscheiden – ich hätte es damals gar nicht gekonnt, aber sowieso wurde für mich mit entschieden – über mich gekommen, so oder so. Zwar wäre das Kind so letztlich wg. meiner Unfähigkeit auf die Welt gekommen, aber es wäre jetzt immerhin da! und fehlte mir nicht so sehr. Das ist übrigens für mich selber ein wunderliches Statement!

Und ich denke, eben ein Großteil eben der Unverfügbarkeit – an der Entscheidung wie an der in Gang gesetzten, mal nicht rückgängig zu machenden Entwicklung dann - ist Teil einer Art Würde dieses Bestimmtseins darin. Wenn man schon ein bio-logisches Wesen ist, dann auch mit den damit verbundenen besseren Konsequenzen. (Meine Gene sind mir ansonsten egal.)

Ich sehe allerdings auch nicht, wieso alles in dem dann – zweifellos mächtigen Faktum - der Tatsache dass verschwindet. Und ich bin da auch nicht irgendwie post-romantisch, und für die allermeisten ähnlich gelagerten Fälle würde ich meine Bevormundung ablehnen. Aber ich finde, in dieser Sache ist dieses Unverfügbare ein Zugewinn, der eben die lächerliche Dimenson des sonstigen Gemachten von allem und jedem, die Illusion der Selbstherrlichkeiten herausstellt. Wie ich so höre, relativiert sich das dann auch mit der Zahl der Bälger. Aber die eben auch immer wieder bei Eltern beobachteten Formen von Freiheits- oder Souveränitätszugewinn machen das wohl wett.

 

wernurwer - 21. Nov, 17:06

Danke für die Ermutigung in die Gegenrichtung ;-) -- ehrlich! Tatsächlich kann ich zwar bei allen Eltern, die ich kenne - und das sind mittlerweile gar nicht mehr so wenige - von einem Freiheits- oder Souveränitätszugewinn gar nichts entdecken (da gibt es höchstens das Überspringen von Selbstzweifeln und Hemmungen, weil das Lösen des jeweils aktuellen Problems, das das Kind macht/hat, halt keinen Aufschub duldet, und daraus resultiert dann so ein semidreister mütterlicher Egoismus im Namen des kleinen Schützlings). Und selbst die eine Freundin, auf die ich nach wie vor als positives Beispiel setze, hat mir anvertraut, dass Mamasein üble Eigenschaften an ihr zum Vorschein gebracht habe und ihr nicht die Zeit lasse, die wieder abzustreifen. Aber trotzdem, ich nehme dein Plädoyer gern in mein Hin-und-her-Überlegen auf, dem ein bisschen mehr her ganz gut tut - und das dann wohl sowieso dereinst von einem unerwarteten Einbruch des Realen ad acta gelegt werden wird.

Trotzdem hätte ich gern ein anderes Unverfügbares als dieses Teil, das gerade nebenan quengelt...
wernurwer - 21. Nov, 17:11

Und Lévinas behauptet mit seiner moralischen Erpressungsrhetorik, dass das Leben erst im Zeugen des Kindes zu seiner ethischen Reife erwache. Und schon deshalb treibt es mich, meins zu einer unmoralischen Erwiderung darauf zu machen...

Naja.
en-passant - 21. Nov, 18:53

Au Backe!

Da sprach natürlich auch eine Art Naivität aus mir, die sich im Hinblick auf ihren Gegenstand immer schon selbst als überredet betrachtet. Aber die Mühen mit den kleinen Teufeln sind sozusagen die niedere Ebene, sind deren realistische Fälligkeiten, die das Unabdingbare dann auch in die Welt bringen, es erzwingen. Sonst könnte man sich ja auch wieder alles vom Hals schaffen!


Interessant, dass man Lévinas auch so verstehen kann! :-) (Klar, kann man natürlich.)

„Ethische Reife“ bräuchte aber wohl eine längere Dauer, und ergäbe sich wohl erst im Laufe des gelebten Lebens mit den Konsequenzen seiner Handlungen selbst. Und wenn ich die Nachrichten von all den gegen Kinder verübten Verbrechen hört... ist das für mich erst mal genug Unmoral, glaube ich. Das Trotzdem, gegen die moralischen Erpressungen, wäre dann vielleicht Teil des Souveränitätsgewinns?

Aber ich gebe zu: Ich rede von einem vermissten Ideal her und kenne die Niederungen der Erfahrungen nicht wirklich. (Ich habe aber immer gerne als Babysitter gejobbt... )

wernurwer - 21. Nov, 23:16

Wenn du tatsächlich gern als Babysitter gejobbt hast, bist du natürlich sozusagen grundsätzlich verdächtig... Seufz - ich fänd's schön, wenn man sie mit 14 bekommen könnte (ich meine, wenn das Kind 14 ist). Aber der Weg bis dahin.
en-passant - 22. Nov, 14:26

Bei mir ist es genau umgekehrt: Sobald sie in die Schule kommen, werden sie tendenziell zu Fremden. Klar, das müssen sie wohl auch. Aber Fremdheit holte ich mir doch lieber anderswo. Und die Wunder liegen alle früher.

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