13
Nov
2008

Ich will nicht in Berlin leben

Schon vergleichsweise kleine Negativerlebnisse lassen eine tiefe Abneigung gegen Berlin in mir aufwallen: Heute kam der Pulli, den ich mir erst kürzlich in Tokyo gekauft hatte, aus der Reinigung zurück. Der Butterfleck war raus, aber der gesamte Pullover eingelaufen, das zarte, halb durchsichtige Gewebe so hart, dass es knirschte beim Auseinanderziehen. Der Zettel, auf dem die Frau bei der Annahme "Auf den Fettfleck achten" notiert hatte, hing wie zum Hohn festgetackert am Schild mit den Angaben zum Waschen - die Schrift ausgewaschen. Das heißt, sie hatten ihn wirklich gewaschen.

Totale Inkompetenz bei der Reinigung. Man könnte hingehen und sich beschweren. Aber ich hasse es, mich beschweren zu müssen. Und wenn ich hinginge, hätte ich das Gefühl, etwas zu beanstanden, was in dieser Stadt einfach normal ist: dass Menschen ihr Gewerbe nicht verstehen, gleichgültig sind bei dem, was sie tun (das, was sie tun, mit einer aggressiven, rechthaberischen Gleichgültigkeit tun), keinerlei Sorgfalt und Behutsamkeit kennen im Umgang mit Dingen oder Menschen.

Natürlich ist das bloß eine Kleinigkeit. Und natürlich könnte man fragen, ob es wirklich so typisch für Berlin ist (obwohl es immerhin so typisch ist, dass ich es erwartet hatte - und mich desto mehr ärgere, weil ich den Pullover trotzdem hingebracht habe). Doch meine schlechte Laune steht in keinem angemessenen Verhältnis zum Schaden, und das ist sozusagen das Schlimmste: Dieses neuerliche Missgeschick ist nur ein Anlass zur Bestätigung eines Widerwillens, den ich gegen die Stadt hege. Ich mag Berlin einfach nicht. Nicht dass ich andere deutsche Städte lieber mag, mit Ausnahme von Hamburg vielleicht, das mir noch am ehesten kultiviert erscheint in einem sonst doch ziemlich barbarischen Land (das Wort finde ich tatsächlich passend - ich wüsste nicht, welches präziser wäre). Seit acht Jahren halte ich es hier irgendwie aus. Und seit werweißwievielen Jahren warte ich nur darauf, von Berlin wieder enttäuscht zu werden, was dann zuverlässig auch passiert.
en-passant - 15. Nov, 19:29

mein Nicht-Berlin

Mmmh, das ist zugleich ziemlich genau wie leicht unscharf, was ich selber manchmal noch empfinde, aber seit langem verdrängt habe (bzw. vor Längerem schon die Konsequenzen gezogen habe – gewisse Dinge, Dienstleistungen etwa, beziehe ich gar nicht mehr, andere Sachen kaufe ich nicht, Begegnungen, Orte meide ich: Das ist dann weniger ein Verlust, als ein Entsagen, und dann auch mit reinigenden Effekten).

Allerdings lasse ich neuerdings meinem Zorn manchmal freien Lauf.

Zumindest scheint es mir doch ab und an noch nötig, den Skandal einmal offensichtlich werden zu lassen, den Finger immer noch einmal in die Wunde zu legen – den Schmerz gleichsam auch dem anderen kurz als präsent möglich werden zu lassen. Wenn es noch ein funkendes Spiegelneuron in ihm gibt, soll ihn etwas erreichen – und wenn es nur ein Moment der ihn treffen sollenden Verachtung für die eigene Nichtachtung ist. Man muss es dann mit Worten gar nicht erst zu erläutern versuchen: Einmal den Pullover mit dem ausgewachsenen Zettel vor Augen halten, dass er es selber begreift... und dnan wortlos vor die Füße werfen oder so; auch wenn es meolodramatisch scheint, aber Gesteen werden oft noch verstanden, weil auch die Stumpfsinnigen fernsehen.

Natürlich ist es vergeblich, als Akt fragwürdig, aber es hilft bei der Hygiene der Selbstachtung, habe ich festgestellt. Und diese Art Gleichgültigkeit gehört doch zumindest kenntlich gemacht... wie eine Markierung. Und haftet sie erst mal, kehrt sie sich vielleicht auch mal gegen die, die sie in die Welt setzen. Das sind letztlich wir alle.

wernurwer - 15. Nov, 20:07

Ja, ich denke, falls ich noch längere Zeit hier verbringe, werde ich auch lernen müssen, ein bisschen hysterisch zu werden. Zeigen, nicht erklären - das ist ein guter Ansatz. Danke für die Ermunterung!
morbus - 16. Nov, 17:39

ist dann die logische konsequenz nicht das wegziehen? ich meine, um auf der ebene des von einer stadt enttäuscht werdens zu bleiben: man trennt sich doch in der regel von den dingen, die einem schaden, oder nicht? oder ist man so masochistisch, dass man sich gerade an diese dinge noch heftiger bindet?


wernurwer - 16. Nov, 20:22

Das Wegziehen ist schon geplant, wird aber noch ca. 2 Jahre dauern. Wenn nichts dazwischen kommt (wie man so schön sagt), wird meine Freundin dann ihre Promotion beendet haben und ich meine Habil. Und dann geht es nach Tokyo, in die Stadt, wo alles besser ist!
en-passant - 17. Nov, 16:06

Gaijin

Tokyo fand ich immer toll! Aber da zu leben?
Ich habe eine Zeit lang in Minami-Izu gelebt, zwischendurch länger in Osaka, aber zum Schluss wurde mir klar: nirgends habe ich mich so fremd gefühlt wie in Japan (obwohl ich durch viele Reisen viele Orte gesehen habe).

wernurwer - 17. Nov, 16:23

Auch in Japan gewesen? Die Parallelen zwischen unseren Existenzen fangen ja allmählich an, etwas unheimlich zu werden (obwohl: angenehme Form von Unheimlichkeit, falls es das gibt). Mir ging es paradoxerweise so, dass ich mich an keinem Ort auf der Welt bislang so zuhause gefühlt habe wie in Japan - wahrscheinlich gerade, weil mein Anders-Sein körperlich so klar dokumentiert war und ich so nicht das Gefühl hatte, dass ich versuchen muss, die Differenz zwischen den Menschen um mich herum und mir ständig zu überspielen. Was ich hier automatisch nach Möglichkeit tue. Dann aber auch verliebt in eine Japanerin usw.
en-passant - 17. Nov, 18:15

Tatsächlich empfand / empfinde ich Fremdheit immer angenehm, auf Reisen sowieso. Nur auf Dauer zehrt sie dann eben doch teils sehr.

Ich war ja auch in eine Japanerin verliebt... :-). Und das hätte es mir insgesamt leichter machen sollen (tat es auch: indem mir ein Job verschafft wurde etc.), aber sämtliche „Codes“ à la Roland Barthes des nichtigsten Alltagslebens waren andere, und das hat mich wohl, teils unbewusst, derart gelockert, dass ich manchmal immer weniger die eigene Festigkeit, einen Mangel an Konsistenz in mir empfand.

(Das hatte noch andere, teils irre, auch befreiende Effekte... die mich aber um so mehr wieder als dummen Fremden markierten und die Distanz vergrößerte. Und obwohl ich mich irgendwann gut zurecht fand, gab es zwischendurch immer wieder starke Verunsicherungen, etwa ähnlich denen, als ich mich zum ersten Mal in der rush hour in Shjinjuku wieder fand. Die Umstände waren wie Science Fiction, aber ICH war das Alien...)

wernurwer - 17. Nov, 19:50

Ich muss auch zugeben, dass ich die letzten Jahre unter anderem damit verbracht habe, Benehmen zu lernen, ganz wörtlich: Einzelheit für Einzelheit (und Benehmen besteht ja praktisch nur aus Einzelheiten) zu merken, was die Formen des sozialen Umgangs unter Japanern ausmacht und wie wie viel davon man auch in einer Liebesbeziehung über die Grenzen des Landes hinweg noch braucht, damit es nicht zu Verstörungen und Verletzungen kommt. Man kommt sich dabei vor, als ob man es nach der ersten Runde als Elefant im Porzellanladen bei der zweiten als Bär versucht und bei der dritten als Pony... Mittlerweile bin ich vielleicht bei einer etwas tolpatschigen Katze.

Aber was hat dich nun ausgerechnet nach Izu verschlagen? Ich war da mal für ein paar Tage in der nana-daru-Gegend zur Entspannung. Sehr schön - aber du hast da gearbeitet? Oder war das in Tokyo?
en-passant - 18. Nov, 17:36

Ich hatte zu der Zeit ein Plattenlabel und habe mich viel mit jemandem ausgetauscht, der auch verschrobene elektronische Musik machte; er hatte aber immer die besseren Produktionsbedingungen; außerdem schon all die Gadgets, die bei uns oft erst ein Jahr später auf der Musikmesse auftauchten – oder nie. Deshalb bin ich dann immer da runter... ich fürchtete mich - und genoss es zugleich - vor dem prognostizierten dai jishin; das sei die erste Ecke, die dann ins Meer abbrechen würde.

In Osaka hatte ich seltsame Job bei Hako Date (wenn’s die noch gibt?), der riesigen Werbeagentur. Die haben mich immer in bar ausbezahlt, und ich konnte dann wieder eine Zeit lang zu meiner Freundin oder in den Süden. Ich glaube, ich war damals souverän durch Ignoranz... und zugleich durch das Priviligiertsein als Ausländer. Und heute erkenne ich das alles als eine Riesentäuschung (die mir dennoch gut tat). Lies mal das hier: http://tabu.twoday.net/stories/5082040/

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