25
Nov
2008

Ein einfacher Traum vom Sterben

Traum:

Ich komme in die Küche, wo Eva am Tisch sitzt, aber es wird oder ist stockdunkel. Ich frage sie, was mit dem Licht ist, warum es nicht angeht, und sie antwortet irgendwas, aber mir ist klar: dieses Dunkel ist endgültig.

Ich wache mit schnell klopfendem Herzen und Angst auf.


Details und Assoziationen aus der Phase unmittelbar nach dem Traum:

Die Küche ist nicht unsere Berliner Küche, in der ich meine Mitbewohnerin Eva für gewöhnlich antreffe, sondern die des Hauses meiner Mutter. Obwohl es im Traum dunkel ist, spüre ich das deutlich an der Enge des Raumes (die Küche hier ist sehr groß) und dem Ort ihrer Stimme: während ich in der Flurtür stehe, kommt Evas Stimme vom entfernten Ende des niedrigen Tisches - dem Platz meines (toten) Vaters.

In die Kette der Toten gehört auch Evas Mutter, die vor kurzem erst gestorben ist (Evas letzter Besuch hier hatte mit der Beerdigung zu tun).

Eine zunächst sonderbare, aber sehr schnelle und mächtige Assoziation: Marx' Thesen über Feuerbach.

Wenn ich jetzt darüber nachdenke, fällt mir ein, dass ich im Fernsehen gestern etwas über Marx gehört habe (ein dummer Scherz: der Finanzminister würde wieder Marx lesen usw.). Aber noch gestern Nacht sagte ich mir im halbwachen Zustand: Nein, nicht FeuerBACH, sondern FeuerSTEIN.

Auch das schien kaum Sinn zu ergeben. Als ich weiter darüber nachdachte, fiel mir dann jedoch ein, dass jemand namens Feuerstein das FAKTOTUM von Harald Schmidt war.


Analyse?

Alles weist so klar und umstandlos auf den Tod hin, dass diese mehrfachcodierte Klarheit mir dadurch um so beängstigender erscheint. Auch das einzige etwas rätselhafte Detail ist wohl in diesem Sinne zu verstehen: Die Marx-Assoziation, die mit dem Trauminhalt ohnehin in keiner erkennbaren Beziehung steht, ist nur die Brücke zu dem Wort Faktotum, was als FakTOTum und FAKTotum wiederum die Botschaft enthält.

Der Anlass für den Traum war sicher zum einen physiologisch: Infolge der (Magen-, Darm- und wasweißichnoch-)Infektion, die mich zurzeit weitgehend außer Gefecht setzt, stellte sich in der vergangenen Nacht der beschleunigte Herzschlag wieder ein, der schon früher bei mir festgestellt worden ist und zu dem den Ärzten nichts Rechtes einfällt. Ich konnte danach nur noch in kurzen, sehr unruhigen Phasen schlafen und meine mich auch zu erinnern, dass es noch andere wenig angenehme Träume gab, von denen mir aber keine Einzelheiten im Gedächtnis geblieben sind, weil ich sie nicht sofort anschließend rekapituliert habe. Zum anderen scheint mir überhaupt Sterben immer realistischer zu werden.
en-passant - 25. Nov, 18:02

Hmm.

Der rezeptions-tote, umständehalber aktualisiserte Marx, könnte selber auf eine als These maskierte latente Wahrheit hinweisen, einen Satz etwa, den Du neulich für Dich formuliert hast, eine schon wieder verflüchtigte Einsicht, als der Tod – Deine Begegnung damit – mit einer Dir nahestehenden Person Dir nahegetreten war.

Das Physiologische ließe sich als unmittelbare Reaktion begreifen, die sich (Dir etwas) formulieren will, das als „These“ noch verifiziert werden müsste, also erst noch aufgeschoben ist. Das Theater der Personen, der Chor, die beim Artikulieren helfen, wären selber das „Maya“, das Hintergrundgeschiebe der Verdichtung (aus dem der Traum sich virtuos und frei bedient), das (noch) nicht zu durchdringen ist.


Mir fällt noch zweierlei ein:
Erst einmal die aktuelle allgemeine Untergangsstimmung, die etwas Sterbendes, nämlich die famose dumme Ordnung bisher, anspricht.
Und dann Einsteins Diktum: „Ohne Theorie kann nichts beobachtet werden.“

Aber das ist natürlich dann wirklich sehr brav, weil jeder Traum ja genau an dem als These arbeitet, was dem Träumer dann ungenügend formuliert erscheint: Es deutet sich selbst.


 

wernurwer - 25. Nov, 21:40

Danke für die Unterstützung bei der Traumdeutung. Ich finde kollektive Traumdeutung ziemlich gut, fällt mir dabei (wieder) auf. Gerade weil Träume, insbesondere Albträume, die Tendenz haben, einen so im 'Persönlichen' einzuschließen. Und dagegen lehnt sich ja das Erzählen von Träumen, das mir schon immer zu den interessantesten, weil zugleich einfachsten und eigenartigsten Formen des Erzählens zu gehören schien, selbst bereits auf (weshalb Freud ihm mit solchem Misstrauen begegnet, und zugleich so gut darin ist, das Erzählte in seinem Stil weiterzuerzählen).
Das Physiologische ließe sich als unmittelbare Reaktion begreifen, die sich (Dir etwas) formulieren will, das als „These“ noch verifiziert werden müsste, also erst noch aufgeschoben ist.
Das körperliche Leben selbst neigt ja fatal dazu, sich einem als eine solche These mit aufgeschobener Verifikation zu präsentieren, und dummerweise weiß man schon, dass man sterben wird, ehe es so weit ist. Ich versuche nach Kräften, meinen Körper nicht mehr als verschlüsselte Sprache zu begreifen, in der sich eine Botschaft an mich selbst formuliert, sondern einfach als etwas, was ist und in seinem Sosein unbefragt so sein darf - was, wie du dir vorstellen kannst, ziemlich anstrengend ist, vor allem während der Phasen des Krankseins, wo er ungeteilte Aufmerksamkeit verlangt, ohne einen dafür mit entzifferbaren Bedeutungen zu entlohnen. Krankheitsträume sind daher besonders reizvoll/maliziös ;-)
en-passant - 26. Nov, 10:37

Körperschäume

Zu dem letzten Satz: Ich habe in mir noch ein (bilde ich mir zumindest ein) ziemlich helles Bewusstsein von gewissen Fieberträumen sowohl aus der Kindheit, als auch von später, als ich mir in Südamerka mal eine Quintana-Sache geholt habe. Das war in den luziden Flügen ein bisschen wie Opiumrauchen, nur ohne Rausch: Der Geist konnte sich - klar: anderswoher beflügelt – in Höhen begeben, die mir alltags letztlich fehlten (und immer noch fehlen). Ob Alkaloid- oder Virus-betrieben, der Unterschied ist nahezu nur die Un/willentlichkeit.

(Ich habe meine Experimente da aufgeben, aber nicht, wegen den zu verdammenden Fremdstoffen – die sich der Körper ja anverwandelt wie bei allem anderen auch -, sondern weil es eben nicht zu vereinbaren ist mit einem gesunden, wenn auch profaneren Leben.)

Und nein, den Körper immer nur als verschlüsselte Sprache begreifen ist wohl auch freudlos, vielleicht gar einengend. Aber Traum bezieht dorther womöglich mehr, als der entzückt taumelnde Geist, ewig selbstbezüglich, sich einzubilden gewohnt ist. Und man entkommt dem Körper ja auch nicht als letzte Referenz. Von daher ist Krankheit – ob mit oder ohne Diagnose – eine ausreichende Herleitung (oder Hinleitung zu neuem Rätsel) selbst. Aber auch als „Erklärte“ stellt sie eigentlich selber wieder eine Frage, zumindest nach dem anderen Zustand, der mit seiner bloßen Differenz etwas eröffnet, das der Geist dann wieder zwanghaft befragt. Entkommt man dem also überhaupt?

Das sich mit dem Innenleben nicht ins Persönliche einschließen ist ein schöner Gedanke. Ich vermute immer mehr, dass alle auch das Intime eigentlich teilen.

Und Freud war natürlich ein Erzähler per se, nicht umsonst seine selber entdeckte Verwandtschaft zu Stifter. Aber als Wissenschaftler traute er seinem ebenbürtigen Talent zur Fiktion wohl nicht. Es hätte der Meta-Erzählung seiner Forschung aber wohl auch noch mehr Schwierigkeiten gemacht.


 
wernurwer - 26. Nov, 14:47

Solange ich von meiner Unsterblichkeit überzeugt war (bis ca. 27), konnte ich Krankheitsdelirien auch beinahe so als 'Erfahrung' betrachten wie Drogentrips. Aber dann begann die mühsame Arbeit des Weiterlebens - und ihr eigenartiges Glück, das mich in all seinen Varianten immer ein bisschen an den Stolz eines Kindes erinnert, das einen ordentlich großen und festen Haufen gemacht hat (ein Stolz, der ja dann im Alter auch wiederkehren soll, wie man so erzählt).

Und den Befragungen und Interpretationen des Körpers entkommt man natürlich nicht. Aber was mich angeht, lässt sich zumindest (meistens) verhindern, dass sie sich allzusehr verselbständigen und in einen paranoisch-kreativen Strom auflösen. Das hatte ich früher zuweilen, und es ist weder mit Ärzten noch ohne sie besonders spaßig. Ich kann schon verstehen, dass Viele irgendwann bei Heilpraktikern landen, die bei diesem Spiel kooperieren statt mit stoisch-mechanischer Medizinergleichgültigkeit zu wiederholen, dass die Untersuchungen keinen Befund erbracht haben.
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