26
Nov
2008

Im Namen des Glücks

Da ich in den vergangenen Tagen für wissenschaftliche Texte zu matschig im Kopf war, bestand meine Lektüre aus Wide Sargasso Sea von Jean Rhys und ungefähr zehn Father Brown-Geschichten von Chesterton. Der Roman von Rhys lag schon länger auf meinem Tisch, und ich wollte ihn zu Ende bringen, weil er das zweifellos verdiente (ich schämte mich bereits für meine Unfähigkeit, aus ihm das kurze intensive Leseerlebnis zu machen, das er eigentlich sein sollte). Die Detektivgeschichten hole ich regelmäßig aus dem Regal, wenn ich etwas kluges Unterhaltsames brauche und es zufällig schneit.

Ein Gedanke, der sich aus dieser unpassenden Parallellektüre gebildet hat, ist dieser: Bestünde nicht die Aufgabe derjenigen, die die intellektuelle Kraft dazu haben, darin, das Glück zu denken statt das Unglück zu schreiben?

Ich habe mich mit dem Wort Ethik nie sehr wohl gefühlt (wozu es allzu erkennbar auch nicht da ist). Aber wenn es so etwas wie eine intellektuelle Verpflichtung gibt, die mir einleuchtet, dann die gegenüber einer Intelligenz des Glücks. Was heißt, der literarischen Plausibilität des Unglücks einen Gebrauch der Literatur entgegenzusetzen (oder: abzugewinnen), der sie zu einem Instrument macht, um nicht lediglich das Unglück, sondern schließlich auch das Glück zu genießen.

Auf eine gewisse Weise fühle ich mich Chesterton tatsächlich näher als Rhys. Wide Sargasso Sea ist ein guter, ein sehr guter Roman, und über den Schmerz darin gibt es nichts zu lächeln. Aber es zeigt sich darin auch eine Dummheit des Unglücks - eine Dummheit, die man weder den Unglücklichen noch ihrer Sprecherin zum Vorwurf machen kann, die sowieso keinen Mangel, keine Defizienz, sondern eher eine Qualität darstellt (und was wäre der Roman ohne diese Qualität). Es ginge eben darum, auf jene Qualität zu verzichten. Sich auf die Seite einer Intelligenz zu schlagen, die damit zurecht kommen muss, dass ihr bei allem, was sie denkt, das Glückliche dazwischen kommt. Selbst in den schlimmsten und kongruentesten Albträumen.

Und Chestertons lockere Prosa bringt unentwegt Albträume hervor - das macht ihn zu einem so großartigen Apologeten der Schöpfung: Jede Beschreibung einer Blume, einer Hausfront, einer Krawattennadel deutet etwas Grauenhaftes an.

Barthes scheint als einer der Wenigen im 20. Jahrhundert ebenfalls diese Herausforderung gesehen zu haben: Wie kann man die Welt im Namen des Glücks kritisieren, das sie dem Denken gewährt?
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