Über Pornorap, Zynismus und die Ängste an der Schwelle zur postbürgerlichen Gesellschaft (oder so ähnlich)
Nach dem Frühstück (oder eher Mittagessen), wenn ich träge verdauend auf der Couch in meinem Arbeitszimmer liege, Musik höre und dabei halb wegdämmere, führt jemand in meinem Namen manchmal sehr erregte Debatten. Deren Argumentationen sind ähnlich flüchtig wie Geträumtes. Sie verschwinden mit dem Aufstehen, scheinen dem Glück des Vergessens zugedacht und nicht der kritischen Arbeit des Gedächtnisses. Aber mit Mühe ziehe ich vom heutigen Disput - einer Art Talkshow-Debatte, so als säße ich als Gast bei Anne Will in einer Sendung über die "Verrohung unserer Jugend durch Pornorap" - das folgende Fragment wieder hervor:
»Was die Eltern und ihre Fürsprecher in den Medien am Pornorap so in Angst versetzt, ist nicht nur der Sexismus und die Brutalität in den Texten, sondern der fröhlich-aggressive Zynismus, mit dem der Sexismus sich als Sexismus und die Brutalität sich als Brutalität feiert. Was sie wirklich ärgert und in Panik versetzt, ist, dass es sich dabei um den Zynismus von sozialen Verlierern handelt.
Wie Rap überhaupt von Anfang an darauf angelegt war, Souveränitätsformeln und -gesten für diejenigen zu produzieren, denen laut herrschender ökonomischer Logik des Sozialen keinerlei Souveränität zukommt, so schließt sich das beim Pornorap mit der pornografischen Haltung zum Sex kurz. Sex hat hier nur die Funktion, eine verlockende Ansicht von der Erniedrigung zu bieten, die ein Niedriger anderen zufügt.
Und genau das macht diesen pornografischen Diskurs aus der Sicht von Eltern, die um den bürgerlichen Status ihrer Familien kämpfen (das tun heute alle Eltern, schichtunabhängig), so anstößig: Pornorap geil zu finden, setzt ihre Sprösslinge der Gefahr einer sozialen Deklassierung aus. Hinter der Besorgnis um die "Verrohung" steht die Angst davor, der Sohn oder gar die Tochter könnten auf die Seite der Verlierer geraten, indem sie sich deren Souveränitätsformeln zu eigen machen.
Was es den Rappern umso leichter macht, die Rolle der Bösen zu spielen, die rufen: Schaut, wie willig eure wohlerzogenen Kinderlein zu uns hinabsteigen!
In Prenzlauer Berg sind mittlerweile die Kirchen sonntags wieder gut gefüllt, weil Eltern wie Harald Schmidt meinen, eine christliche Erziehung sei auch dann gut, wenn man weiß, dass es keinen Gott gibt: Weil alles gut ist, was Kinder davor zu schützen verspricht, auf die falsche Seite jener sozialen Differenz zu geraten, die in der BRD des 21. Jahrhunderts durch nichts mehr verbürgt ist, nicht einmal durch Geld. Die richtige Seite heißt: Selbstdisziplin - der Schlüssel aller Kompetenzen. Selbstdisziplin und "Werte" (irgendwelche), die Selbstdisziplin autorisieren - und dazu dann der gute Zynismus desjenigen, der sich mit dem Prinzip des ökonomischen und sozialen Erfolgs einig weiß. Die falsche Seite ist das andere: das verheerende Übel der Selbstdisziplinlosigkeit und alle Formen des Exzessiven, die nicht exzessiv diszipliniert sind wie die Exzesse der Erfolgreichen; das Sich-gehen- und Sich-hängen-lassen, die exzessive Trägheit und ihre Debilität (der Pornografie auf einer gewissen Ebene sehr genau entspricht); der schlechte Zynismus, der die Souveränität derjenigen formuliert, die nichts mehr zu verlieren haben.«
Am Ende meines Monologs trat ein verlegenes Schweigen in der Talkrunde ein, und in die Stille gab es plötzlich provokant langsamen Applaus von dem einen eingeladenen Pornorapper.
Worauf Anne Will mit schräg gelegtem Kopf fragte:
"Applaus von der falschen Seite - was machen Sie damit?"
»Was die Eltern und ihre Fürsprecher in den Medien am Pornorap so in Angst versetzt, ist nicht nur der Sexismus und die Brutalität in den Texten, sondern der fröhlich-aggressive Zynismus, mit dem der Sexismus sich als Sexismus und die Brutalität sich als Brutalität feiert. Was sie wirklich ärgert und in Panik versetzt, ist, dass es sich dabei um den Zynismus von sozialen Verlierern handelt.
Wie Rap überhaupt von Anfang an darauf angelegt war, Souveränitätsformeln und -gesten für diejenigen zu produzieren, denen laut herrschender ökonomischer Logik des Sozialen keinerlei Souveränität zukommt, so schließt sich das beim Pornorap mit der pornografischen Haltung zum Sex kurz. Sex hat hier nur die Funktion, eine verlockende Ansicht von der Erniedrigung zu bieten, die ein Niedriger anderen zufügt.
Und genau das macht diesen pornografischen Diskurs aus der Sicht von Eltern, die um den bürgerlichen Status ihrer Familien kämpfen (das tun heute alle Eltern, schichtunabhängig), so anstößig: Pornorap geil zu finden, setzt ihre Sprösslinge der Gefahr einer sozialen Deklassierung aus. Hinter der Besorgnis um die "Verrohung" steht die Angst davor, der Sohn oder gar die Tochter könnten auf die Seite der Verlierer geraten, indem sie sich deren Souveränitätsformeln zu eigen machen.
Was es den Rappern umso leichter macht, die Rolle der Bösen zu spielen, die rufen: Schaut, wie willig eure wohlerzogenen Kinderlein zu uns hinabsteigen!
In Prenzlauer Berg sind mittlerweile die Kirchen sonntags wieder gut gefüllt, weil Eltern wie Harald Schmidt meinen, eine christliche Erziehung sei auch dann gut, wenn man weiß, dass es keinen Gott gibt: Weil alles gut ist, was Kinder davor zu schützen verspricht, auf die falsche Seite jener sozialen Differenz zu geraten, die in der BRD des 21. Jahrhunderts durch nichts mehr verbürgt ist, nicht einmal durch Geld. Die richtige Seite heißt: Selbstdisziplin - der Schlüssel aller Kompetenzen. Selbstdisziplin und "Werte" (irgendwelche), die Selbstdisziplin autorisieren - und dazu dann der gute Zynismus desjenigen, der sich mit dem Prinzip des ökonomischen und sozialen Erfolgs einig weiß. Die falsche Seite ist das andere: das verheerende Übel der Selbstdisziplinlosigkeit und alle Formen des Exzessiven, die nicht exzessiv diszipliniert sind wie die Exzesse der Erfolgreichen; das Sich-gehen- und Sich-hängen-lassen, die exzessive Trägheit und ihre Debilität (der Pornografie auf einer gewissen Ebene sehr genau entspricht); der schlechte Zynismus, der die Souveränität derjenigen formuliert, die nichts mehr zu verlieren haben.«
Am Ende meines Monologs trat ein verlegenes Schweigen in der Talkrunde ein, und in die Stille gab es plötzlich provokant langsamen Applaus von dem einen eingeladenen Pornorapper.
Worauf Anne Will mit schräg gelegtem Kopf fragte:
"Applaus von der falschen Seite - was machen Sie damit?"
wernurwer - 2. Dez, 17:06
