Stollen
In der aktuellen Ausgabe des Berliner TIP (also keiner sehr zuverlässigen Quelle) habe ich gelesen, dass der Christstollen tatsächlich das Christuskind symbolisieren soll: Der weiß gepuderte Laib erinnere an das eingewickelte Baby.
Abgesehen davon, dass sie zur menschenfresserischen Vergnüglichkeit der Eucharistie passt, leuchtet mir diese Symbolik, obgleich ich sie niemals erraten hätte, auch deshalb ein, weil sie die eigenartige Verbindung des Köstlichen und des Unappetitlichen beim Stollen erklärt. Ich esse Stollen mit Genuss erst seit zwei oder drei Jahren. Vorher mochte ich ihn überhaupt nicht - und kenne nicht Wenige, die unter allem Weihnachtsgebäck Stollen niemals anrühren würden, sogar offen sagen, dass sie ihn ekelhaft finden.
Dieser Ekel, an den ich mich in einer etwas abgeschwächten Form selber erinnere, hat gewiss seine Berechtigung. Stollen ist das wahrscheinlich unheimlichste Backwerk, das ich kenne. Man weiß nicht genau, was man da isst, wenn man es tut. Und die Wirkung dieses Unwissens ist unscheinbarer, subtiler und hinterhältiger als bei jenen spektakulär widerwärtigen Speisen, die kulturell eindeutig stigmatisiert sind.
Die Konsistenz von Stollen ist uneinheitlich, ja gerade so, als sollte niemand erkennen, was genau drin ist und wie es zu einander in Beziehung steht, während sich die Teile aber auch nicht zu einem geheimnisvollen Ganzen verbinden, in dessen Körper sie (im Hegelschen Sinne) aufgehoben wären. Die Elemente des Stollen sind nur sehr locker verbunden, und dieses Lockere ist eine bröckelnde Lockerheit, etwas wie feines Geröll, in dem die festeren Partien erst recht seltsam und fast störend wirken: Manche Stollen haben einen Marzipankern. Mit den Zähnen zwischen kreidigem Puderzucker, grieselndem Teig, Rosinen und kandierten Fruchtstücken, Mandel- und Nusssplittern schließlich auf die klebrige, feuchweiche Masse zu stoßen, schockiert mich jedes Mal. Bei anderen liegt das Marzipan als dünne Schicht zwischen Teigkörper und Zuckerhülle und verursacht eine vorübergehende Irritation, die man beim Kauen in kleinen Stückchen wiederfindet.
Stollen lässt sich nicht essen, ohne sofort Schneidebrett, Teller, Tisch und Serviette mit dem weißen Puder zu besudeln. Die einzelnen Scheiben sind brüchig. Ich esse sie (nach einer Tradition, die ich für norddeutsch halte) mit Butter belegt. Die weiße Fettschicht verleiht dem Stollen eben genug Solidität, um davon abzubeißen, ohne von der fragilen Konsistenz beunruhigt zu sein. Außerdem neutralisiert die Butter ein Stück weit die unklare Süße. Stollen pur ist mir zugleich zu süß und nicht süß genug, weshalb es hilft, ihn in eine Art Brot zu verwandeln.
Wonach schmeckt Stollen? Schwer zu sagen. Mal nach dem, mal nach dem - je nachdem, welche Aggregation von Ingredienzien man gerade im Mund hat. Der Geschmack bleibt weitgehend Andeutung, eine grobe (mit dicken, stark aufgedrückten Stiften gezeichnete) Skizze davon, wie ein ziemlich komplexes Gebäck schmecken könnte. Auf der Spur des Geschmacks will ich viel Stollen essen, da der einzelne Bissen oder die einzelne Scheibe kaum befriedigt. Die nächste Scheibe müsste mehr Klarheit bringen. Irgendwann setzt dann jedoch eine heftige, eher unangenehme Sättigung ein (und genau genommen spürt man sie schon nach dem ersten Bissen).
Und natürlich der Name: In meiner Vorstellung (aber kann man sich das anders vorstellen?) verweist "Stollen" auf eine Leere, einen dunklen Tunnel, der sich durch die Erde zieht. Und diese Leere nun quasi mit umgekehrtem Vorzeichen, als etwas Positives, (beinahe) Massives vor mir zu haben, versteckt unter weißem Staub, macht sie in gewisser Weise noch unheimlicher. Meine Assoziation zu "Stollen" ist der Tunnel, den man fressen muss, um durch die Grießbreimauer ins Schlaraffenland zu gelangen: zu viel essen, um unendlich viel essen zu dürfen. Jeder Stollen sieht für mich aus wie ein endlicher Abschnitt dieser Strecke in die Unendlichkeit. Und das macht ihn ebenso verlockend wie bedrohlich.
Abgesehen davon, dass sie zur menschenfresserischen Vergnüglichkeit der Eucharistie passt, leuchtet mir diese Symbolik, obgleich ich sie niemals erraten hätte, auch deshalb ein, weil sie die eigenartige Verbindung des Köstlichen und des Unappetitlichen beim Stollen erklärt. Ich esse Stollen mit Genuss erst seit zwei oder drei Jahren. Vorher mochte ich ihn überhaupt nicht - und kenne nicht Wenige, die unter allem Weihnachtsgebäck Stollen niemals anrühren würden, sogar offen sagen, dass sie ihn ekelhaft finden.
Dieser Ekel, an den ich mich in einer etwas abgeschwächten Form selber erinnere, hat gewiss seine Berechtigung. Stollen ist das wahrscheinlich unheimlichste Backwerk, das ich kenne. Man weiß nicht genau, was man da isst, wenn man es tut. Und die Wirkung dieses Unwissens ist unscheinbarer, subtiler und hinterhältiger als bei jenen spektakulär widerwärtigen Speisen, die kulturell eindeutig stigmatisiert sind.
Die Konsistenz von Stollen ist uneinheitlich, ja gerade so, als sollte niemand erkennen, was genau drin ist und wie es zu einander in Beziehung steht, während sich die Teile aber auch nicht zu einem geheimnisvollen Ganzen verbinden, in dessen Körper sie (im Hegelschen Sinne) aufgehoben wären. Die Elemente des Stollen sind nur sehr locker verbunden, und dieses Lockere ist eine bröckelnde Lockerheit, etwas wie feines Geröll, in dem die festeren Partien erst recht seltsam und fast störend wirken: Manche Stollen haben einen Marzipankern. Mit den Zähnen zwischen kreidigem Puderzucker, grieselndem Teig, Rosinen und kandierten Fruchtstücken, Mandel- und Nusssplittern schließlich auf die klebrige, feuchweiche Masse zu stoßen, schockiert mich jedes Mal. Bei anderen liegt das Marzipan als dünne Schicht zwischen Teigkörper und Zuckerhülle und verursacht eine vorübergehende Irritation, die man beim Kauen in kleinen Stückchen wiederfindet.
Stollen lässt sich nicht essen, ohne sofort Schneidebrett, Teller, Tisch und Serviette mit dem weißen Puder zu besudeln. Die einzelnen Scheiben sind brüchig. Ich esse sie (nach einer Tradition, die ich für norddeutsch halte) mit Butter belegt. Die weiße Fettschicht verleiht dem Stollen eben genug Solidität, um davon abzubeißen, ohne von der fragilen Konsistenz beunruhigt zu sein. Außerdem neutralisiert die Butter ein Stück weit die unklare Süße. Stollen pur ist mir zugleich zu süß und nicht süß genug, weshalb es hilft, ihn in eine Art Brot zu verwandeln.
Wonach schmeckt Stollen? Schwer zu sagen. Mal nach dem, mal nach dem - je nachdem, welche Aggregation von Ingredienzien man gerade im Mund hat. Der Geschmack bleibt weitgehend Andeutung, eine grobe (mit dicken, stark aufgedrückten Stiften gezeichnete) Skizze davon, wie ein ziemlich komplexes Gebäck schmecken könnte. Auf der Spur des Geschmacks will ich viel Stollen essen, da der einzelne Bissen oder die einzelne Scheibe kaum befriedigt. Die nächste Scheibe müsste mehr Klarheit bringen. Irgendwann setzt dann jedoch eine heftige, eher unangenehme Sättigung ein (und genau genommen spürt man sie schon nach dem ersten Bissen).
Und natürlich der Name: In meiner Vorstellung (aber kann man sich das anders vorstellen?) verweist "Stollen" auf eine Leere, einen dunklen Tunnel, der sich durch die Erde zieht. Und diese Leere nun quasi mit umgekehrtem Vorzeichen, als etwas Positives, (beinahe) Massives vor mir zu haben, versteckt unter weißem Staub, macht sie in gewisser Weise noch unheimlicher. Meine Assoziation zu "Stollen" ist der Tunnel, den man fressen muss, um durch die Grießbreimauer ins Schlaraffenland zu gelangen: zu viel essen, um unendlich viel essen zu dürfen. Jeder Stollen sieht für mich aus wie ein endlicher Abschnitt dieser Strecke in die Unendlichkeit. Und das macht ihn ebenso verlockend wie bedrohlich.
wernurwer - 11. Dez, 16:47

Hmmh, schöne idiosynkratische Dekonstruktion der Zweifelhaftigkeit allen Genusses.
Der Text ist also vergnüglich, die Sache (auch für mich) nicht: Ich mag sie nicht hauptsächlich wegen dem „Zitronat“ (so heißen hier, im Westen, diese Zutaten von Fruchtstückchen). Er bringt mich aber noch darauf, dass jemand wie ich, als tendenzieller Purist, es mit diesen Sachen überhaupt schwer hat, weswegen ich über-raffinierten Spezialitäten gegenüber überhaupt meist Reserviertheit empfinde.
So lande ich wieder bei der Eingangsbemerkung – und es kommt mir das zweifelhafte Gebäck wie eine Perversion vor, eine leichtfertige, höhnische fast, selbst oder gerade wegen dem sehr oberflächlich erscheinenden Grund – wenn er denn stimmt -, die Backkreation so zu nennen.
Ansonsten: Von mir aus Bomben auf jeden Christkindl-Markt!
Was hältst du übrigens von Zimtsternen?
Zimtsterne... kenn ich jetzt gar nicht...
(Ich lese aber gerne, fällt mir ein, Gourmetkritiken. Und das weniger wegen der exotischen Speisen - als Purist bin ich auch da eher fürs Einfache, weniger Elaborierte -, sondern wegen dem ausgesuchten Jargon, der, mangels allzuleicht-allgemeiner Entsprechungen, oft überraschend erfinderisch daher kommen muss und sich dadurch tatsächlich zu gewissen Subtilitäten aufeschwingen kann... die man sich dann seinerseits auf der Zunge zergehen lassen kann.)
Ist das also diese etwas dumpfe Lebkuchen-Masse unter einer entsprechend aromatisierten Glasur? Oder sind das diese Pfeffer-dings-irgendwas? - Vielleicht rührt daher meine Verwirrung seit der Kindheit: Es war nie "pfeffrig", und dem Ganzen war also insgesamt nicht zu trauen.
Und aprospos Ohmacht... was also diese Wucher-Buden mit ihrem Tand der gefaketen Gemütlichkeit angeht:
Man könnte ja denken, man sei hier in der Kleinstadt (D-dorf) im Vorteil, aber hier ist die gesamte Innenstadt ein einziger Budenmarkt! Und beim geistigen Niederdruckklima hier ist eigentich auch immer Anlass für ein besinnungsloses "Fest".
Zimtsterne haben keine "dumpfe Lebkuchenmasse", sondern bestehen aus gezuckertem Eischnee mit sehr viel fein geriebenen Mandeln und Haselnüssen (und Zimt eben). Und darauf kommt eine Glasur aus Eischnee (und etwas Zimt). Pfeffernüsse hingegen sind (oder falls man in einen Supermarkt gerät, sollte man sagen: wären) hauchdünne dunkle Plätzchen aus einem Gewürzteig (der nicht pfeffrig-scharf, aber eben würzig und nicht zu süß sein soll), und darin gibt es Mandelsplitter und kandierte Orangenschalenstückchen.
Und du wohnst in Düsseldorf? Eines meiner absurdesten Erlebnisse in der, naja, sagen wir, Peripherie der akademischen Welt ereignete sich im Bankhaus Trinkaus (oder so ähnlich). Seither kommt mir die Stadt immer irgendwie grotesk vor. Dabei kann der Rest von D-Dorf eigentlich wenig dafür.
Ja, Babarentum lauert immer überall...
Ich hatte übrigens eine glückliche Kindheit - an Weihnachtszeug hats nie gemangelt, aber ich habe wohl nie genug emotionale Bindung dazu entwickeln können...
Mit besagtem Bankhaus hatte ich nie zu tun. Eine gewisse Groteske aber könnte man vielleicht einigermaßen jeder Stadt abgewinnen. Wobei mir zu dem Dörfchen hier erst einmal andere Attribute einfielen: Behäbig, gerne-groß, feist, vulgär-katholisch, selbstüberschätzend, gemütlich... rheinisch eben, mit noch ein paar besonderen Back-Ingredienzien.
"Das Besondere an dieser Stadt ist ihre Charakterlosigkeit." (Beuys)
Ich denke, das bringt es auf den Punkt.