Vor den Hörnern eines Stiers
T., den ich in einem Chat kennen gelernt habe, wollte, dass wir telefonieren. Ich habe ihn angerufen. Wir haben eine gute Stunde miteinander gequatscht.
Zuerst die Überraschung: was für eine Stimme er hat. Viel realer (oder realistischer), als es für die klangliche Existenz von jemandem sein dürfte, der sich aus freundlich schüchternen, manchmal für ein paar Sätze vor Begeisterung sprudelnden Kurztexten erhebt.
Die Anlässe dieser Begeisterung haben mir besonders gefallen: Mein Hinweis, dass ich gerade Minois’ Geschichte der Zukunft lese („die geschichte der zukunft ist doch toll“ – ohne Anführungen, so dass offen blieb, ob er das Buch kannte oder einfach die Sache selbst meinte). Oder Politik! Er studiert Romanistik und hat ein Faible für den künstlerischen Widerstand gegen das Franco-Regime. In seinem Fotoalbum findet sich etwa das Bild eines Matadors, der vor den Hörnern des Stiers flüchtet. Auf meine Frage, ob er den Stierkampf liebe (ich füge vorsichtshalber hinzu, dass ich weder ein militanter Tierschützer noch überhaupt besonders politisch korrekt sei und er es im Zweifelfall getrost zugeben könne), kommt die Antwort: nein, bin ich nicht. das ist ein subversiv gemeintes foto, deshalb läuft der kämpfer davon.
Überhaupt gebraucht er gern und wie selbstverständlich das Wort „subversiv“. Was ich ebenfalls mag an jemandem, der auf seinem eigenen Profilpic aussieht, als könne er selber ein junger spanischer Bürgerkriegsheld sein (oder zumindest der Statist in einem Film über den Widerstand).
Nun im Kontakt von Stimme zu Stimme ein anderes Bild. Er redet schnell, ich komme manchmal kaum zu Wort, beobachte mich mit gemischten Gefühlen dabei, wie ich etwas ausstoße, was in einer Plauderei über nichts Besonderes laut und gehetzt wirkt. Und mir fällt bald auf, wie unsere Unterhaltung mehrheitlich aus Verurteilungen oder negativen Urteilen besteht: Die Schattenseiten seiner und meiner Uni. Die von Düsseldorf und von Berlin. Er hat wenig Verständnis für Bekannte, die ihr „sicheres“ Studium in Duisburg-Essen aufgegeben haben, um in Berlin zu leben und dort die Boheme oder ihr Klischee davon zu genießen – „ohne richtige Perspektive“. Obwohl sich meine Faszination an der Berliner Szene in Grenzen hält und ich Kritik an der Verbreitung von Berlin-Klischees in Berlin durchaus zustimmen könnte, hindern mich die Motive, die hinter seiner Ablehnung aufscheinen. Jaja, er sei schon jemand, der einen Plan brauche. Und ich ahne, dass er an mir, dem Älteren, auf dem Weg der akademischen Karriere weiter Fortgeschrittenen nicht zuletzt deshalb interessiert ist, weil er einen Verbündeten gegen das Sichgehenlassen seiner Generation in mir wittert. Einen, der wie er vernünftig auf ein bestimmtes verdächtiges Genießen verzichtet hat – und mit dem zusammen sich etwas vom verlorenen Genuss vielleicht wieder reinholen lässt, ohne die Strukturen zu schwächen.
Und, ja – von den Ergebnissen her sieht es wohl so aus. Und doch, was für ein Irrtum im Grunde!
Das Gespräch ist nicht wirklich gut und nicht wirklich schlecht, nicht wirklich richtig und nicht wirklich verkehrt. „Alles nur ein Versuch, Aufregung zu überspielen“, sagt er zwischendurch (und lässt das „meine“ weg, wie viele Deutsche bei zu persönlichen Sätzen ins „man“ springen). Wir verabschieden uns, weil wir beide aufs Klo müssen.
Später taucht er wieder im Chat auf. Und seltsamerweise – obschon wir praktisch nicht über Sex gesprochen haben außer ganz zum Schluss, als er mir noch mitteilt, dass ein großer Schwanz besser sei als ein kleiner – schickt er plötzlich ein Foto von seinen ausgebeulten Shorts. Und anschließend eins ohne Shorts.
Ich finde es eher überraschend als unangenehm. Ich hätte gern ein Verlaufsprotokoll seiner Gedanken und Affekte der vergangenen Stunde. Hätte es mit mir zu tun, dass das Resultat unseres Telefonats auf seiner Seite Geilheit ist, ich müsste mich geschmeichelt fühlen. Aber ich befürchte, mein Beitrag besteht nur darin, nicht unangenehm von irgendeiner Vorstellung abgewichen zu sein, und die Entwicklung des Abends („von dem thema hab ich grad ne latte“) ist einfach ein Gang der Dinge, eine schwule Dramaturgie, die er kennt und ich nur so halb oder nicht mehr so gut.
Immerhin ist er aufmerksam und sensibel genug zu merken, dass mir der Sinn nicht nach dirty talk steht. Deshalb verabschieden wir uns zum zweiten Mal an diesem Tag nett und mit dem Vorhaben, uns beizeiten in Berlin mal zu treffen.
Zuerst die Überraschung: was für eine Stimme er hat. Viel realer (oder realistischer), als es für die klangliche Existenz von jemandem sein dürfte, der sich aus freundlich schüchternen, manchmal für ein paar Sätze vor Begeisterung sprudelnden Kurztexten erhebt.
Die Anlässe dieser Begeisterung haben mir besonders gefallen: Mein Hinweis, dass ich gerade Minois’ Geschichte der Zukunft lese („die geschichte der zukunft ist doch toll“ – ohne Anführungen, so dass offen blieb, ob er das Buch kannte oder einfach die Sache selbst meinte). Oder Politik! Er studiert Romanistik und hat ein Faible für den künstlerischen Widerstand gegen das Franco-Regime. In seinem Fotoalbum findet sich etwa das Bild eines Matadors, der vor den Hörnern des Stiers flüchtet. Auf meine Frage, ob er den Stierkampf liebe (ich füge vorsichtshalber hinzu, dass ich weder ein militanter Tierschützer noch überhaupt besonders politisch korrekt sei und er es im Zweifelfall getrost zugeben könne), kommt die Antwort: nein, bin ich nicht. das ist ein subversiv gemeintes foto, deshalb läuft der kämpfer davon.
Überhaupt gebraucht er gern und wie selbstverständlich das Wort „subversiv“. Was ich ebenfalls mag an jemandem, der auf seinem eigenen Profilpic aussieht, als könne er selber ein junger spanischer Bürgerkriegsheld sein (oder zumindest der Statist in einem Film über den Widerstand).
Nun im Kontakt von Stimme zu Stimme ein anderes Bild. Er redet schnell, ich komme manchmal kaum zu Wort, beobachte mich mit gemischten Gefühlen dabei, wie ich etwas ausstoße, was in einer Plauderei über nichts Besonderes laut und gehetzt wirkt. Und mir fällt bald auf, wie unsere Unterhaltung mehrheitlich aus Verurteilungen oder negativen Urteilen besteht: Die Schattenseiten seiner und meiner Uni. Die von Düsseldorf und von Berlin. Er hat wenig Verständnis für Bekannte, die ihr „sicheres“ Studium in Duisburg-Essen aufgegeben haben, um in Berlin zu leben und dort die Boheme oder ihr Klischee davon zu genießen – „ohne richtige Perspektive“. Obwohl sich meine Faszination an der Berliner Szene in Grenzen hält und ich Kritik an der Verbreitung von Berlin-Klischees in Berlin durchaus zustimmen könnte, hindern mich die Motive, die hinter seiner Ablehnung aufscheinen. Jaja, er sei schon jemand, der einen Plan brauche. Und ich ahne, dass er an mir, dem Älteren, auf dem Weg der akademischen Karriere weiter Fortgeschrittenen nicht zuletzt deshalb interessiert ist, weil er einen Verbündeten gegen das Sichgehenlassen seiner Generation in mir wittert. Einen, der wie er vernünftig auf ein bestimmtes verdächtiges Genießen verzichtet hat – und mit dem zusammen sich etwas vom verlorenen Genuss vielleicht wieder reinholen lässt, ohne die Strukturen zu schwächen.
Und, ja – von den Ergebnissen her sieht es wohl so aus. Und doch, was für ein Irrtum im Grunde!
Das Gespräch ist nicht wirklich gut und nicht wirklich schlecht, nicht wirklich richtig und nicht wirklich verkehrt. „Alles nur ein Versuch, Aufregung zu überspielen“, sagt er zwischendurch (und lässt das „meine“ weg, wie viele Deutsche bei zu persönlichen Sätzen ins „man“ springen). Wir verabschieden uns, weil wir beide aufs Klo müssen.
Später taucht er wieder im Chat auf. Und seltsamerweise – obschon wir praktisch nicht über Sex gesprochen haben außer ganz zum Schluss, als er mir noch mitteilt, dass ein großer Schwanz besser sei als ein kleiner – schickt er plötzlich ein Foto von seinen ausgebeulten Shorts. Und anschließend eins ohne Shorts.
Ich finde es eher überraschend als unangenehm. Ich hätte gern ein Verlaufsprotokoll seiner Gedanken und Affekte der vergangenen Stunde. Hätte es mit mir zu tun, dass das Resultat unseres Telefonats auf seiner Seite Geilheit ist, ich müsste mich geschmeichelt fühlen. Aber ich befürchte, mein Beitrag besteht nur darin, nicht unangenehm von irgendeiner Vorstellung abgewichen zu sein, und die Entwicklung des Abends („von dem thema hab ich grad ne latte“) ist einfach ein Gang der Dinge, eine schwule Dramaturgie, die er kennt und ich nur so halb oder nicht mehr so gut.
Immerhin ist er aufmerksam und sensibel genug zu merken, dass mir der Sinn nicht nach dirty talk steht. Deshalb verabschieden wir uns zum zweiten Mal an diesem Tag nett und mit dem Vorhaben, uns beizeiten in Berlin mal zu treffen.
wernurwer - 24. Jan, 19:02
