10
Nov
2008

Beerdigungen

Mir scheint, dass ich die Ruhe von Beerdigungen mag - die atmosphärische Ruhe, die man empfindet, wenn man ein Besucher ist und von der Trauer nur die halböffentliche Erschöpfung mitbekommt, die den privaten Dramen folgt. Das ist ein sehr erträglicher Zustand des Familiären, ein bisschen wie auf einer Ausstellung von Familie: man geht gemessenen Schrittes leise nickend hindurch, und das reicht.

Mir scheint heißt: Es müsste (sage ich mir) eine ganze Reihe von Romanen und Filmen geben, deren Beerdigungsszenen ich genossen habe. Ich versuche mich zu erinnern, aber es taucht kaum etwas auf. Der Anfang von Haruki Murakamis Wilde Schafsjad, wo der Erzähler zur Trauerfeier für ein Mädchen geht, das er aus seiner Studentenzeit kennt und von dem ihm wenig im Gedächtnis ist, außer dass sie immer lesend im Uni-Café saß und bereitwillig mit jedem geschlafen hat. Harold und Maude (aber die Beerdigungen dort sind anonym und uninteressant). Six Feet Under (aber die Trauer dort ist zu intensiv und hat mich oft übel mitgenommen).

Es gibt einen Film von Itami Juzo, der 「お葬式」 heißt. R. hat mehrfach davon erzählt, ich habe ihn nie gesehen. Irgendwie ahne ich, dass die Bilder der Beisetzung dort genau dem entsprechen, was ich gerade vor Augen habe.

Schon das erste Ende

Die Mutter meiner Mitbewohnerin ist gestorben. Heute morgen kam E. aus New York zurück. Ich frage mich, wie bald sie nach München weiterfahren wird: Sie hat vorhin mit ihrem Bruder telefoniert, wann die Beerdigung stattfindet; sie wird es also wissen, vielleicht schon eine Verbindung herausgesucht und ihr Bahnticket gekauft haben; jetzt schläft sie nebenan, es ist still.

Ich kenne die Mutter nicht, habe ihre Stimme nur vielleicht zwei oder drei Mal auf dem Anrufbeantworter gehört: ein jammernder, vorweg enttäuschter, vorwurfsvoller Ton. "Sie wollte schon länger nicht mehr leben", hat E. auch heute, als wir uns zur Begrüßung umarmten, gesagt.

Es gibt für mich in dieser Angelegenheit nicht viel zu tun (wäre ich ein "tröstlicher Typ", könnte ich mehr tun - wer weiß). Ich habe das Gefühl, am Rande einer Filmhandlung wie ein Komparse mit einem kurzen Satz aufzutauchen: Die beiden Stationen der Reise, zuerst der Flug, dann ein kurzer Aufenthalt in Berlin, dann mit dem Zug weiter, und zwischen verschiedenen grauen Novemberhimmeln das fast heimelige Dunkel einer Altbauwohnung und darin ein freundliches blasses Gesicht.

Ich überlege, ob ich etwas wie "Ich hoffe, dass meine Mutter noch ein paar Jahrzehnte durchhält" sagen soll, falls wir uns später in der Küche begegnen. Ich suche nach etwas Persönlichem, das unverbindlich genug bleibt, um nichts aufbrechen zu lassen. "Ein paar Jahrzehnte" klingt aber übertrieben, nahezu vermessen. "Ein paar Jahre" dagegen sind beängstigend wenig. Wie viel Leben soll man sich für die eigene Mutter noch wünschen?

Erst heute

Hier vor allem nicht über das Tagebuchschreiben nachdenken. (Denken schon, aber nicht schreiben.)
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