7
Dez
2008

Wunderbare Leichtigkeit des Wachbleibens

Zu den magischen Kräften der Fiktion - der Literatur, des Films - hat es für mich immer gehört, Situationen zu erschaffen, wo jemand nicht schläft:

Der Held eines Romans liegt die ganze Nacht über wach, da Gedanken und Gefühle, die mit irgendeiner Geschichte zu tun haben, ihm keine Ruhe lassen (und zu Recht! sagt die Erzählung - denn was wäre ein Erzählen, das versichert, es sei in Ordnung, über einer Peripetie einzuschlummern und die Fortsetzung auf einen anderen Tag zu verschieben). Und dann, "beim ersten Licht", schlägt er die Decke zurück und erhebt sich aus den Kissen - oder, noch besser, verlässt er mit einem Blick auf das unberührte Bett das Schlafzimmer und taucht ein in den kalten und klaren Morgen eines Tages, der eine entscheidende Wendung bringen wird (oder nicht - das ist egal, der Morgen reicht).

Die Leichtigkeit, mit der das in wenigen Sätzen erzählt wird, birgt eine große Macht.

Mein liebstes Filmende ist das von Fanny und Alexander: Nachdem er den Stiefvater durch die Kraft seiner hasserfüllten, vom androgynen Ismael zu einem bösen Zauber katalysierten Gedanken getötet hat, wohnt Alexander mit Mutter und Schwester wieder im Stadthaus der Großmutter. In einem der zahllosen Zimmer sitzt die alte Dame, die nicht mehr ins Bett geht, sondern nur zwischendurch kurz einnickt, lesend in einer Ecke, und der schlaflose Junge krabbelt zu ihr und legt den Kopf auf ihren Schoß unter das Buch. Später kommt auch die schöne bleiche Mutter, von der man nicht weiß, ob sie noch oder schon wach ist, und liest mit ihrer Mutter zusammen in Strindbergs Traumspiel, um die verbleibende Zeit bis zum Frühstück zu verbringen.

Es sind diese beiläufigen Szenen, wo sich das erfundene Wahrscheinliche der körperlichen Notwendigkeit des Schlafens leichthin und wie selbstverständlich entledigt, die ich liebe. Dagegen interessiert mich z.B. die pathetische Negation des Schlafes "aus Liebe" in Schlafes Bruder kaum. Dann schon eher die amüsante Entrüstung von Adrian Tomine in einem seiner Optic Nerve-Comics.

Psychologisch sicher einfach zu erklären: Ohne Schlaf weiterzuleben (wie weiterzulesen), das gehört wohl zu den ältesten Allmachtsphantasien. Ich schlafe oft nur unter großen Mühen ein, und die Zeit, als ich selber eine Nacht überspringen konnte, ohne am nächsten Tag völlig erledigt zu sein oder krank zu werden, ist vorbei. Die Disziplin eines regelmäßigen Schlaf- und Wachturnus aufrechtzuerhalten, zeitig ins Bett zu gehen und zeitig aufzustehen, kostet große Willensanstrengung und verdrießt mich immer wieder, denn auch der Erfolg frustriert. Schlafen zu müssen bleibt die Zumutung, an die ich mich nicht gewöhne, mit der mich abzufinden mir kaum für ein, zwei Wochen gelingt. Und natürlich: es ist dieselbe Zumutung wie die, sterben zu müssen. Alles sehr bekannt.
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