Das Vorletzte
Gestern Nacht, nachdem E.'s erste Gäste gegangen waren und der Rest sich in ihr Zimmer um den Schokoladenbrunnen zurückgezogen hatte, nutzte ich die Verschnaufpause, um mich an den Rechner zu setzen und etwas zu schreiben statt zu reden. M., mit dem ich seit einem halben Jahr maile, schickte mir eine Kurzgeschichte über einen Selbstmörder -
jemanden, der sich in den Kopf schießt und sich anschließend nicht so recht klar ist, ob er tot ist und was das heißt: Er schnappt Gesprächsfetzen auf, die aus der Wohnung über seiner zu kommen scheinen, aber ebenso gut zu etwas anderem gehören könnten, das sich nur noch wie Sprache anhört; er krabbelt in einen Backofen und kommt in einer dimensionslosen Weißheit heraus, bei der es sich vielleicht um das Jenseits handelt, vielleicht aber auch nur um ein etwas seitlich verrücktes Diesseits.
Ich schrieb eine rasche Antwort, die abbrach, als die Verbliebenen ebenfalls ihre Jacken und Mäntel aus meinem Zimmer holten und sich verabschiedeten. Und wie häufig setzt sich mein Antworten am nächsten Tag während anderer Tätigkeiten fort:
Ich habe ihm erzählt, dass ich morgen zu meiner Mutter und ihrem Freund fahre, um dort mit ihnen und R. zusammen Weihnachten zu verbringen. Das erinnert mich an einen Abend im vergangenen Jahr, wo wir spät alle Vier noch vor dem Fernseher hingen - es lief eine hirnrissige Pseudodokumentation auf dem Discovery Channel: drei Männer, die im Hochgebirge verunglückten und unter den abenteuerlichsten Umständen um Haaresbreite überlebten.
Die nachgestellte Geschichte wirkte stark aufgebauscht. Was man sah, waren sozusagen die Bild gewordenen Prahlereien von Bergsteigern, die überstandene Leiden bei jeder Wiederholung des Berichtes stärker und stärker ausschmückten. Doch in all diesem männlichtuerischen Gefasel gab es ein Detail, dessen Wahrheit mir sofort evident war:
Abgeschnitten von seinen Kameraden, in eine Gletscherspalte gestürzt und schwer verletzt vom Sturz, liegt einer der Männer entkräftet und ohne Aussicht auf Rettung am Boden, und nach einer Phase der hilflosen und zunehmend sinnlosen Auflehnung beginnt er zu sterben.
Und als er allmählich wegdämmert und versteht, dass dies das Ende ist, taucht auf einmal aus der Tiefe seines unvollständigen Vergessens eine Melodie auf.
Und diese Melodie gehört zu einem Song von Boney M. Es ist ein Song aus den 80ern, ein ganz und gar fürchterlicher Song von einer fürchterlichen Band.
Der Mann ist selbst entsetzt. Er hat dieses Lied seit vielen Jahren nicht gehört, zumindest nicht bewusst, und er hat es nie gemocht, findet es auch jetzt nervtötend, nicht im mindesten schön, nicht einmal bedeutungsvoll - die banale Melodie, getragen von einem plumpen Stampfrhythmus, löst keinerlei Assoziationen bei ihm aus, legt keinen Zusammenhang frei, der ihm am Ende seines Lebens etwas über sich selbst offenbarte. Da ist überhaupt kein bisschen Selbst in dieser elenden Populärmusik, die nicht aufhört in seinem Kopf abzulaufen, immer und immer wieder mit derselben Sequenz.
Sämtliche Anstrengungen, mit dem Quäntchen Geisteskraft, das ihm verbleibt, etwas Persönliches da herauszuhören, gleiten an der stumpfen Anonymität des Bah-Bah-Bah-Bah-Bah ab. Und irgendwann gibt er es auf.
Und ich bin überzeugt, dass Sterben genau so sein wird: Das Vorletzte wird etwas unerhört Unwesentliches sein. Und etwas Letztes wird es nicht geben.
jemanden, der sich in den Kopf schießt und sich anschließend nicht so recht klar ist, ob er tot ist und was das heißt: Er schnappt Gesprächsfetzen auf, die aus der Wohnung über seiner zu kommen scheinen, aber ebenso gut zu etwas anderem gehören könnten, das sich nur noch wie Sprache anhört; er krabbelt in einen Backofen und kommt in einer dimensionslosen Weißheit heraus, bei der es sich vielleicht um das Jenseits handelt, vielleicht aber auch nur um ein etwas seitlich verrücktes Diesseits.
Ich schrieb eine rasche Antwort, die abbrach, als die Verbliebenen ebenfalls ihre Jacken und Mäntel aus meinem Zimmer holten und sich verabschiedeten. Und wie häufig setzt sich mein Antworten am nächsten Tag während anderer Tätigkeiten fort:
Ich habe ihm erzählt, dass ich morgen zu meiner Mutter und ihrem Freund fahre, um dort mit ihnen und R. zusammen Weihnachten zu verbringen. Das erinnert mich an einen Abend im vergangenen Jahr, wo wir spät alle Vier noch vor dem Fernseher hingen - es lief eine hirnrissige Pseudodokumentation auf dem Discovery Channel: drei Männer, die im Hochgebirge verunglückten und unter den abenteuerlichsten Umständen um Haaresbreite überlebten.
Die nachgestellte Geschichte wirkte stark aufgebauscht. Was man sah, waren sozusagen die Bild gewordenen Prahlereien von Bergsteigern, die überstandene Leiden bei jeder Wiederholung des Berichtes stärker und stärker ausschmückten. Doch in all diesem männlichtuerischen Gefasel gab es ein Detail, dessen Wahrheit mir sofort evident war:
Abgeschnitten von seinen Kameraden, in eine Gletscherspalte gestürzt und schwer verletzt vom Sturz, liegt einer der Männer entkräftet und ohne Aussicht auf Rettung am Boden, und nach einer Phase der hilflosen und zunehmend sinnlosen Auflehnung beginnt er zu sterben.
Und als er allmählich wegdämmert und versteht, dass dies das Ende ist, taucht auf einmal aus der Tiefe seines unvollständigen Vergessens eine Melodie auf.
Und diese Melodie gehört zu einem Song von Boney M. Es ist ein Song aus den 80ern, ein ganz und gar fürchterlicher Song von einer fürchterlichen Band.
Der Mann ist selbst entsetzt. Er hat dieses Lied seit vielen Jahren nicht gehört, zumindest nicht bewusst, und er hat es nie gemocht, findet es auch jetzt nervtötend, nicht im mindesten schön, nicht einmal bedeutungsvoll - die banale Melodie, getragen von einem plumpen Stampfrhythmus, löst keinerlei Assoziationen bei ihm aus, legt keinen Zusammenhang frei, der ihm am Ende seines Lebens etwas über sich selbst offenbarte. Da ist überhaupt kein bisschen Selbst in dieser elenden Populärmusik, die nicht aufhört in seinem Kopf abzulaufen, immer und immer wieder mit derselben Sequenz.
Sämtliche Anstrengungen, mit dem Quäntchen Geisteskraft, das ihm verbleibt, etwas Persönliches da herauszuhören, gleiten an der stumpfen Anonymität des Bah-Bah-Bah-Bah-Bah ab. Und irgendwann gibt er es auf.
Und ich bin überzeugt, dass Sterben genau so sein wird: Das Vorletzte wird etwas unerhört Unwesentliches sein. Und etwas Letztes wird es nicht geben.
wernurwer - 21. Dez, 16:02
