Während eines Jahresrückblicks zu denken
Mir ist oft unklar, was ich an der Welt mögen oder nicht mögen soll (diese Zone der relativen Aufmerksamkeitsverlagerungen diesseits von Liebe und Hass). Und es sind oft Menschen, die dafür sorgen, dass ich etwas doch mag, weil ich sie mag und das, was sie mögen, mit ihren Augen zu sehen lerne.
So läuft in der ARD gerade ein Jahresrückblick, und ich denke an M., der einmal geschrieben hat, er freue sich auf die Jahresrückblicke im Fernsehdezember - was, von einem Vierzehnjährigen bemerkt, einen gewissen Humor hat.
Ich sehe das vergangene Jahr also im Alter von vierzehn noch einmal vorüberziehen: Obama, die SPD-Pleiten, Vladimir Putin, der einen Tiger betäubt...
Tatsächlich hätte ich selbst bei alldem das Gefühl, schon zu lange dabei zu sein, um noch zu spüren, was daran Veränderung, was einfach wie immer ist.
Wenn ich mich frage, ob ich jemals einem Augenblick politischer Veränderung beigewohnt habe, fällt mir seltsamerweise der Tag ein, an dem das Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt durchgesetzt wurde (und das eher nicht wegen der pompösen Geburtstagsfeierlichkeiten der letzten Wochen). Es ist vielleicht zufällig das erste, was ich mitbekommen habe. An der komisch angespannten Atmosphäre in unserem Wohnzimmer, wo mein Vater die Bundestagssitzung mit der Abstimmung live im Fernsehen verfolgte, wurde mir irgendwie klar: es passiert etwas.
Mein Vater pflegte CDU zu wählen, weil er überzeugt war, die Partei sei "besser für uns" (das hieß: uns Besserverdienende). Aber es lag ein Ernst in der Luft, der mehr Bedauern enthielt als Befriedigung über den Regierungswechsel, ja einen Hauch von Bitterkeit. "Schmidt ist ein guter Mann, er gehört bloß zur falschen Partei." So etwas sagten oder dachten damals wahrscheinlich viele unter den CDU-Anhängern. Helmut Kohl dagegen wird er verachtet haben. Als Mann.
Was ich an diesem Vormittag verstand, jedenfalls war: dass Veränderung etwas ist, das die Widersprüchlichkeit des Menschen aktiviert. Für einen Augenblick schien mein Vater im Negativen wie im Positiven mehr zu werden, gleichsam aufzuglühen in einem Verhältnis, in dem Gefühle des Sieges und Gefühle der Niederlage keine Mischung ergaben. Mit der Veränderung wurde die Welt mehr so, wie es seinen Interessen entsprach; und zugleich musste er entdecken, dass es in seinem Willen doch etwas anderes als diese Interessen gegeben hatte - etwas, das nun dem Durchsetzen der Interessen geopfert wurde.
Kohl blieb das unsympathische Gesicht dieser Interessenpolitik. Schmidt wurde in diesem Moment zur Figur des Interessen übersteigenden, obgleich ihnen unterlegenen Willens. Ich nehme an, mein Vater hätte auf die derzeitige Popularität des Ex-Kanzlers mit einer anderen Begeisterung reagiert als ich (ich halte ihn lediglich für einen selbstsicheren alten Mann, der viel dummes Zeug redet und dazwischen ab und zu Sätze einstreut, mit denen man nichts falsch machen kann). Mein Vater hat das Ende der Ära Kohl nicht mehr erlebt.
Was mich im Fall Obama misstrauisch bleiben lässt (oder eigentlich weniger von einem aktiven Misstrauen erfüllt als von einer Unfähigkeit zur echten Freude auf Abstand gehalten), ist das Fehlen jedes widersprüchlichen Gefühls angesichts seiner Wahl, ja sogar angesichts der unverkennbar überzogenen Hoffnungen, die man auf ihn projiziert. Er ist nur zu begrüßen. So etwas hat es nicht gegeben, seit ich Politik überhaupt als solche wahrnehme. Und trotzdem scheint es zu eindimensional für das, was Veränderung bisher war. So als sei "change" eine Münze mit bloß einer Seite.
Aber ich schaue die Sendung weiter und stelle mir vor, dass M. sie auch sieht. Manchmal erwische ich mich dabei, wie ich in Gedanken mit ihm rede, als sei er mein Sohn. Und dann kriege ich Hunger und schalte doch vorzeitig ab, um den Kühlschrank zu inspizieren.
So läuft in der ARD gerade ein Jahresrückblick, und ich denke an M., der einmal geschrieben hat, er freue sich auf die Jahresrückblicke im Fernsehdezember - was, von einem Vierzehnjährigen bemerkt, einen gewissen Humor hat.
Ich sehe das vergangene Jahr also im Alter von vierzehn noch einmal vorüberziehen: Obama, die SPD-Pleiten, Vladimir Putin, der einen Tiger betäubt...
Tatsächlich hätte ich selbst bei alldem das Gefühl, schon zu lange dabei zu sein, um noch zu spüren, was daran Veränderung, was einfach wie immer ist.
Wenn ich mich frage, ob ich jemals einem Augenblick politischer Veränderung beigewohnt habe, fällt mir seltsamerweise der Tag ein, an dem das Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt durchgesetzt wurde (und das eher nicht wegen der pompösen Geburtstagsfeierlichkeiten der letzten Wochen). Es ist vielleicht zufällig das erste, was ich mitbekommen habe. An der komisch angespannten Atmosphäre in unserem Wohnzimmer, wo mein Vater die Bundestagssitzung mit der Abstimmung live im Fernsehen verfolgte, wurde mir irgendwie klar: es passiert etwas.
Mein Vater pflegte CDU zu wählen, weil er überzeugt war, die Partei sei "besser für uns" (das hieß: uns Besserverdienende). Aber es lag ein Ernst in der Luft, der mehr Bedauern enthielt als Befriedigung über den Regierungswechsel, ja einen Hauch von Bitterkeit. "Schmidt ist ein guter Mann, er gehört bloß zur falschen Partei." So etwas sagten oder dachten damals wahrscheinlich viele unter den CDU-Anhängern. Helmut Kohl dagegen wird er verachtet haben. Als Mann.
Was ich an diesem Vormittag verstand, jedenfalls war: dass Veränderung etwas ist, das die Widersprüchlichkeit des Menschen aktiviert. Für einen Augenblick schien mein Vater im Negativen wie im Positiven mehr zu werden, gleichsam aufzuglühen in einem Verhältnis, in dem Gefühle des Sieges und Gefühle der Niederlage keine Mischung ergaben. Mit der Veränderung wurde die Welt mehr so, wie es seinen Interessen entsprach; und zugleich musste er entdecken, dass es in seinem Willen doch etwas anderes als diese Interessen gegeben hatte - etwas, das nun dem Durchsetzen der Interessen geopfert wurde.
Kohl blieb das unsympathische Gesicht dieser Interessenpolitik. Schmidt wurde in diesem Moment zur Figur des Interessen übersteigenden, obgleich ihnen unterlegenen Willens. Ich nehme an, mein Vater hätte auf die derzeitige Popularität des Ex-Kanzlers mit einer anderen Begeisterung reagiert als ich (ich halte ihn lediglich für einen selbstsicheren alten Mann, der viel dummes Zeug redet und dazwischen ab und zu Sätze einstreut, mit denen man nichts falsch machen kann). Mein Vater hat das Ende der Ära Kohl nicht mehr erlebt.
Was mich im Fall Obama misstrauisch bleiben lässt (oder eigentlich weniger von einem aktiven Misstrauen erfüllt als von einer Unfähigkeit zur echten Freude auf Abstand gehalten), ist das Fehlen jedes widersprüchlichen Gefühls angesichts seiner Wahl, ja sogar angesichts der unverkennbar überzogenen Hoffnungen, die man auf ihn projiziert. Er ist nur zu begrüßen. So etwas hat es nicht gegeben, seit ich Politik überhaupt als solche wahrnehme. Und trotzdem scheint es zu eindimensional für das, was Veränderung bisher war. So als sei "change" eine Münze mit bloß einer Seite.
Aber ich schaue die Sendung weiter und stelle mir vor, dass M. sie auch sieht. Manchmal erwische ich mich dabei, wie ich in Gedanken mit ihm rede, als sei er mein Sohn. Und dann kriege ich Hunger und schalte doch vorzeitig ab, um den Kühlschrank zu inspizieren.
wernurwer - 29. Dez, 20:54
