Pop // Literatur
R. muss für ihr Doktorandenkolloquium Tellkamps Der Turm lesen. Die Schwarte kam gestern und liegt nun auf dem Küchentisch. Ich habe kurz reingeschaut, die ersten Sätze gelesen. Den Prolog sofort übersprungen, aber auch vom Anfang der Geschichte bin ich nicht einmal bis zum Ende der ersten Seite gekommen. Es ist furchtbar. Warum? Wie in so vielen "anspruchsvolleren" Romanen, die in Deutschland in den letzten Jahren Erfolg hatten, scheint auch in diesem die gesamte literarische Moderne geradezu ausgemerzt. Henry James, Virgina Woolf, F. Scott Fitzgerald, Gertrude Stein, Joyce, Beckett, der Nouveau Roman... - alle die Experimente, die man im 20. Jahrhundert unternommen hat, um neue Formen des Erzählens zu erfinden und unser Verständnis dessen, was erzählen heißt, zu erweitern, sind in dieser zeitgenössischen deutschen Literatur aggressiv vergessen. Und selbst Schnitzler, Kafka, Musil, Bachmann, Aichinger, Johnson oder Thomas Bernhard tauchen höchstens als Stil- und Weltanschauungszitat auf, nie als diejenigen, die dieses sämige, in seine Behäbigkeit verliebte, in einem ewigen 19. Jahrhundert wie auf einer Mittelmeerkreuzfahrt eingeschiffte Erzählen beendet haben. Wie dankbar wäre ich für eines dieser Enden.
Unter denen, die ich kenne, sind die Autoren, die modernes Erzählen heute weiter verfolgen und weiter zu entwickeln versuchen, hauptsächlich Amerikaner: Dennis Cooper, Gary Lutz, Tao Lin (selbst ein Bestsellerautor wie Bret Easton Ellis hat mit einem Roman wie Less Than Zero etwas für die Kunst des Erzählens getan). Dabei fällt mir beim Lesen ihrer Texte ewas auf, was mir meine Abneigung gegen die deutsche "Popliteratur" der 90er Jahre in Erinnerung ruft und noch einmal neu plausibel macht: Was und wie diese Autoren schreiben, profitiert in hohem Maße von der Popmusik. Aber im Gegensatz zu Stuckrad-Barre, Kracht oder Hennig von Lange, die mit Pop lediglich eine dumpfe selbstgenügsame Coolness verbanden, knüpfen sie an Popkultur gerade dort an, wo diese ihrerseits die aktuelle Fortführung der ästhetischen Moderne ist. Coopers Romane etwa verdanken viel den Songs und Lyrics von Guided by Voices oder Pavement: die extrem dichte, hochradig fragmentierte Kleinstform, die "fucked-upness" als ästhetisches Prinzip, das Gespür für die Idiomatik des amerikanischen Englisch in ihrer zuweilen virtuosen Primitivität. Lutz nennt in einem Interview eine Liste von Songs, die ihm etwas bedeuten - darunter "Haligh, Haligh, a Lie, Haligh" von Bright Eyes, und mir wird klar, wie seine idiosynkratische Präzisierung sprachlicher Wendungen an gewisse schmerzlich-pointierte Zeilen von Conor Oberst anschließt. Pop und Literatur unterhalten in dieser amerikanischen Independent-Literatur eine ungemein fruchtbare und dabei sehr subtile Beziehung.
Man wünscht sich, der Musikgeschmack deutscher Autoren wäre besser - sie hätten mal die Einstürzenden Neubauten, Cpt. Kirk& oder wenigstens die frühen Blumfeld gehört und begriffen, dass Pop nicht behaupten muss, "richtige Kunst" zu sein, um an ästhetischer Auseinandersetzung teilzunehmen. Dass er etwas ganzes anderes sein kann als Abfall für alle.
Unter denen, die ich kenne, sind die Autoren, die modernes Erzählen heute weiter verfolgen und weiter zu entwickeln versuchen, hauptsächlich Amerikaner: Dennis Cooper, Gary Lutz, Tao Lin (selbst ein Bestsellerautor wie Bret Easton Ellis hat mit einem Roman wie Less Than Zero etwas für die Kunst des Erzählens getan). Dabei fällt mir beim Lesen ihrer Texte ewas auf, was mir meine Abneigung gegen die deutsche "Popliteratur" der 90er Jahre in Erinnerung ruft und noch einmal neu plausibel macht: Was und wie diese Autoren schreiben, profitiert in hohem Maße von der Popmusik. Aber im Gegensatz zu Stuckrad-Barre, Kracht oder Hennig von Lange, die mit Pop lediglich eine dumpfe selbstgenügsame Coolness verbanden, knüpfen sie an Popkultur gerade dort an, wo diese ihrerseits die aktuelle Fortführung der ästhetischen Moderne ist. Coopers Romane etwa verdanken viel den Songs und Lyrics von Guided by Voices oder Pavement: die extrem dichte, hochradig fragmentierte Kleinstform, die "fucked-upness" als ästhetisches Prinzip, das Gespür für die Idiomatik des amerikanischen Englisch in ihrer zuweilen virtuosen Primitivität. Lutz nennt in einem Interview eine Liste von Songs, die ihm etwas bedeuten - darunter "Haligh, Haligh, a Lie, Haligh" von Bright Eyes, und mir wird klar, wie seine idiosynkratische Präzisierung sprachlicher Wendungen an gewisse schmerzlich-pointierte Zeilen von Conor Oberst anschließt. Pop und Literatur unterhalten in dieser amerikanischen Independent-Literatur eine ungemein fruchtbare und dabei sehr subtile Beziehung.
Man wünscht sich, der Musikgeschmack deutscher Autoren wäre besser - sie hätten mal die Einstürzenden Neubauten, Cpt. Kirk& oder wenigstens die frühen Blumfeld gehört und begriffen, dass Pop nicht behaupten muss, "richtige Kunst" zu sein, um an ästhetischer Auseinandersetzung teilzunehmen. Dass er etwas ganzes anderes sein kann als Abfall für alle.
wernurwer - 15. Feb, 14:29
