Allein mit sich und ihrem Film
G., mit der ich drei Jahre zusammen gewohnt habe, stellt gerade einen Kurzfilm über sich selbst fertig.
Der Text dafür stammt aus zahllosen Briefen, die sie über eine Zeit von zwanzig Jahren an drei oder vier Männer geschrieben und die sie niemals abgeschickt hat.
Alle diese Männer gehören zum selben Typ desjenigen, der sich selbst so sehr zum Problem geworden ist, dass er Frauen vor allem als bewundernd-besänftigende Zuschauerinnen seines Leidens, seiner Zerrissenheit und seiner inszenierten Härte gegen sich selbst gebraucht und sonst wenig Verwendung für sie hat (außer gelegentlich als Fußabtreter, Fickmatratze, Mutterersatz oder Sekretärin).
G. ist zurzeit ganz erfüllt von sich und ihrem Film. Sie spricht davon, wie gut es sich anfühle, ihn gemacht zu haben (nach acht Jahren ist das ihr erstes Projekt, das zu einem erfolgreichen Abschluss zu kommen verspricht). Und wo sie nicht von sich und dem Film redet, sagt sie gar nichts. Erkundigt sich mit keinem Wort danach, was ich tue oder wie es bei R. läuft, die sie seit vier Jahren zum ersten Mal wieder sieht. Nickt uninteressiert, wenn wir von uns aus etwas berichten.
Sie hat uns als Zuschauer eingeladen, um den Film im Rohschnitt zu bestaunen. Und will hauptsächlich Bestätigung - fragt zwar nach, aber signalisiert gleichzeitig, dass sie nicht vorhat, etwas zu ändern, oder ihre weiteren Entscheidungen, was die "Feinheiten" betrifft, mit dem, was wir finden, nichts zu tun haben werden.
Nachdem der Film ausdiskutiert ist, entsteht so wirklich Schweigen - eine Situation, die es mit ihr früher nie gab. Ich schaue sie an, und sie grinst und schweigt weiter.
Ich wünsche ihr, dass der Film den therapeutischen Schub bringt, den sie sich zweifellos davon erhofft. Dass er ihr Anerkennung einbringt, die all die Missachtungen zweier Jahrzehnte wenigstens zu einem Teil kompensiert.
Aber irgendwie wirkt sie noch endgültiger allein, wie sie da sitzt und in Gedanken und Gefühlen bei sich und ihrem Film weilt. Und die Vorstellung eines Menschen, der mit sich und einem Film über sich allein ist, erscheint mir noch bedrückender als die von einem einsamen Menschen, der schreibt, ohne einen Leser zu haben.
Der Text dafür stammt aus zahllosen Briefen, die sie über eine Zeit von zwanzig Jahren an drei oder vier Männer geschrieben und die sie niemals abgeschickt hat.
Alle diese Männer gehören zum selben Typ desjenigen, der sich selbst so sehr zum Problem geworden ist, dass er Frauen vor allem als bewundernd-besänftigende Zuschauerinnen seines Leidens, seiner Zerrissenheit und seiner inszenierten Härte gegen sich selbst gebraucht und sonst wenig Verwendung für sie hat (außer gelegentlich als Fußabtreter, Fickmatratze, Mutterersatz oder Sekretärin).
G. ist zurzeit ganz erfüllt von sich und ihrem Film. Sie spricht davon, wie gut es sich anfühle, ihn gemacht zu haben (nach acht Jahren ist das ihr erstes Projekt, das zu einem erfolgreichen Abschluss zu kommen verspricht). Und wo sie nicht von sich und dem Film redet, sagt sie gar nichts. Erkundigt sich mit keinem Wort danach, was ich tue oder wie es bei R. läuft, die sie seit vier Jahren zum ersten Mal wieder sieht. Nickt uninteressiert, wenn wir von uns aus etwas berichten.
Sie hat uns als Zuschauer eingeladen, um den Film im Rohschnitt zu bestaunen. Und will hauptsächlich Bestätigung - fragt zwar nach, aber signalisiert gleichzeitig, dass sie nicht vorhat, etwas zu ändern, oder ihre weiteren Entscheidungen, was die "Feinheiten" betrifft, mit dem, was wir finden, nichts zu tun haben werden.
Nachdem der Film ausdiskutiert ist, entsteht so wirklich Schweigen - eine Situation, die es mit ihr früher nie gab. Ich schaue sie an, und sie grinst und schweigt weiter.
Ich wünsche ihr, dass der Film den therapeutischen Schub bringt, den sie sich zweifellos davon erhofft. Dass er ihr Anerkennung einbringt, die all die Missachtungen zweier Jahrzehnte wenigstens zu einem Teil kompensiert.
Aber irgendwie wirkt sie noch endgültiger allein, wie sie da sitzt und in Gedanken und Gefühlen bei sich und ihrem Film weilt. Und die Vorstellung eines Menschen, der mit sich und einem Film über sich allein ist, erscheint mir noch bedrückender als die von einem einsamen Menschen, der schreibt, ohne einen Leser zu haben.
wernurwer - 4. Dez, 12:11

Es mit sich selbst
Mir selber kam spontan das Bild eines Vogels, der gegen das Glas in seinem Käfig zwitschert. Aber ist die Beschäftigung nicht immer Spiegelei? Man hängt seine Leidenschaft an irgendwas, und wird davon eingefangen und fängt sich ein bisschen selber.
Und wenn das Medium überhaupt eher Container ist als Kanal?
(Mir fällt gerade der Autor nicht ein, dabei war es ein lesenswertes Buch über das Begehren und seine paradoxen Strukturen überhaupt: Warum Frauen mehr Briefe schreiben als sie abschicken.)
Bei dem beschriebenen Fall (kein Interesse für Eingeladene) scheint es sich aber schon dem Autismus zu nähern – der soll ja kaum aufzuknacken sein. Und soll man sich das aufbürden?
Trotzdem denke ich, dass jeder, der etwas vor sich hinwerkelt etwas davon hat.
Ich schreibe viel, aber habe kaum Lust zu veröffentlichen (habe es früher getan). Und ich bin ganz happy damit. Ich fürchte nicht Kritik (die wäre ja sogar vielleicht weiterführend), sondern ich fürchte das Unverständnis, die rohe Ignoranz für das, was mich beschäftigt hält und eine Hervorbringung eigenen Rechts ist, das eben nicht auf viele angewandt werden kann. Warum sich um das Urteil sorgen machen, derjenigen, die man nicht weiter achtet. Usw. Irgendwie kreist das dann zusehends um sich selbst.
Manchmal aber lohnt es sich doch. (Autistische Filme, die ein Sehgenuss waren, gibt es auch.)
Nur als Hintergrund: Einerseits habe ich selber mal in einer bestimmten Zeit extrem viele Briefe geschrieben (Mails), und das hatte einerseits etwas Kompensatorisches - und dieses riesige Konvolut wartet jetzt darauf, dass etwas mit ihm geschieht (es steckt allerdings auch wahnsinnig viel drin, Geschichten und Lügen, Personea und Fiktion um sie, und viel viel "Wahrheiten" auch...).
Andererseits mache ich selber viel mit Fotographie, und als ich irgendwann diese italienischen Amore-Tele Favela auf Print entdeckt hatte, erkannte ich, was man narrativ damit machen kann. (Leider habe ich zu wenig Zeit für all das; es kommt mir oft so unernst vor - und es IST eben auch sehr privat.)
Außerdem aber interessieren mich diese Effekte, dass immer mehr Menschen - siehe auch Dein "Tagebuch" - sich solch einer Ankopplung an diese Medienwelten ergeben, und das dann nicht nur einen Stellenwert einzunehmen beginnt, sondern wiederum rückkoppelnd wirkt. Und das geht dann eben bis zum "Selbst-Layout" in einem medialen Raum, der Spiegel und Distopie wird und was noch alles. Und - das ist mein Punkt jetzt - diese besonderen oder Extremfälle sind eben deshalb am lehrreichsten.
Den Aspekt von Ernsthaftigkeit will ich jetzt natürlich nicht unterschätzen, aber dieses Ersatz-Ding, denke ich, kann man eigentlich niemandem mehr vorwerfen. (Menschen suchen in allem ihre Ersatzfunktionen.)
Ja, und außerdem bin ich schlicht auch neugierig, wie andere Leute - besonders Nicht-KÜnstler, also solche, die sich nicht auf Kunst hinauszureden gewohnt sind - das machen.
(Sorry für meinen langen Sermon... aber solche hyper-persönlichen Langzeitprojekte von Einzelnen faszinieren mich schon lange...)
Im Übrigen habe ich natürlich gar nichts gegen (para-)künstlerische Aktivititäten wie persönliche Filme oder öffentliche Tagebücher als Kompensation einzuwenden. Im Gegenteil: Die Ökonomien der Aufmerksamkeit und Anerkennung, die uns die Epoche der "Massenmedien" gebracht hat, sind eine einzige fortwährende Kränkung für jeden Menschen, der noch irgendetwas auf seine Gleichheit hält. Und wenn leicht und billig verfügbare Produktions- und Distributionstechnologien die Chance bieten, Aufmerksamkeit und Anerkennung anders zu organisieren, wünsche ich mir, dass möglichst Viele möglichst viel damit ausprobieren. Diese "hyper-persönlichen" Projekte, die Kunst und Leben direkter miteinander vermischen, als die klassisch-modernen Ästhetiken es vorsahen, gehören zum spannendsten, was dabei so passiert.
Allerdings ist G. bei alldem auch einfach in einem sehr traditionellen Sinne Dokumentarfilmerin. Was gar nicht schadet.
Würde mich tatsächlich interessieren!
(Und für den Fall, dass hier Anonymitäten bewahrt werden sollen, gern auch per Mail: jemand.anderes at arcor.de . Diskretion wird natürlich zugesichert!)
Danke!
Noch mal ich...
***
Aber es fiel noch mal mein Blick auf Deinen letzten Satz, und ich frage mich spontan: Warum soll das eigentlich bedrückend sein, Schreiben ohne Leser zu haben? Tatsächlich fühle ich mich dabei sehr wohl! (Auch wenn das hier, auf einem Blogplatz, nach einer performativen Widerspruch aussieht.)
Sind nicht aber überhaupt viele Tätigkeiten eher von einer Selbstgenügsamkeit gekennzeichnet? Sein Glück im zweckfreien Tun finden usw. Etwa Menschen, die sich gern bewegen... aber nicht jeder jagt Rekorden nach oder entwickelt Ehrgeiz zum Marathon? Mmh – vielleicht kein gutes Beispiel.
Trotzdem, weil’s mich interessiert. Für jemanden, der mit einer Medianarbeit nicht sein Geld verdienen muss oder keine weitere Ambitionen hat (etwa auf Ruhm oder irgendwelche Ranking-Zwänge verfolgen muss), kann die Beschäftigung selbst doch erquicklich, weiterführend, müßig... was auch immer sein.
Ich habe früher ein bisschen veröffentlicht und abgesehen von einem leichten Gefühl der Scham, sich derart ausgestellt zu haben, war es nahezu folgenlos. Gottseidank!
Dieser Selbsterkundungsweg aber, das Finden etwa auch einer eigenen Ästhetik, dazu das, was unterdessen mit einem geschieht und sich anreichert... ich kann das nicht bedrückend finden. Vielleicht könnte man es sogar als einen Akt der bewussten Selbstrücknahme sehen, eine [japanische] Disziplin um der Disziplin willen, und dabei die Welt mit sich und seinen Problemen nicht weiter zu behelligen.
Ich frage extra so naiv: Übersehe ich da was?
:-)
Diese Perspektive ist mir auch nicht fremd. Ich versuche, mein Schreiben so zu organisieren, dass es irgendwie beides ist: das Hervorbringen von Texten, die nach Lesern suchen und eine Chance haben, auch welche zu finden; und eine Praxis, bei der so etwas wie Geläufigkeit, Präzisierung oder "Geschmeidigkeit" (in dem Sinne, in dem Brecht mal von "Geschmeidigkeitsübungen in Dialektik" gesprochen hat) im Vordergrund stehen. Wenn es nur eins davon wäre, würde, glaube ich, eine für mich notwendige Spannung verloren gehen. Aber das betrifft eben nur mich, und warum solltest du ohne Veröffentlichungen nicht mit Recht glücklich sein dürfen?
Auf jeden Fall mag ich das Schreiben im Internet u.a. deshalb, weil man es einfach tun kann, ohne sich vorweg zwischen dem einen und dem anderen entscheiden zu müssen. Es kann phasenweise kommunikativ werden und vielleicht auch eine Art Öffentlichkeit bekommen; und dann wieder 道.
Das "bedrückend" bezog sich sowieso bloß auf G.'s Fall, wo das Film-Machen nun die Unfähigkeit, die Briefe abzuschicken, aufheben soll - und dabei auch im Nachhinein sicher stellen, dass die Briefe nicht hätten abgeschickt werden müssen, dass es okay war, sie zu behalten und aufzuheben.
Gut, dann hatte ich da wohl selektiv oder mit einem falschen Akzent gelesen.
Jedenfalls werde ich mal die Augen danach aufhalten! Danke noch mal!
:-)