Japan: ein Fauxpas / eine Erkenntnis
Ein Professor aus Tokyo schickte mir vor Kurzem eine Email, in deren Betreff-Zeile "entschuldigungn und frage" stand. Darin teilte er mir mit, er denke, dass er mich im Oktober zu einem Vortrag einladen könne, wisse es aber noch nicht sicher, da der Forschungsverbund, in dem er arbeitet, über die Pläne für 2009 noch nicht entschieden habe. Er entschuldigte sich für sein "langes Schweigen" und dafür, auch jetzt noch immer keine definitiven Informationen zu haben.
Mir fielen die Kleinschreibung und der Tippfehler im Titel auf, und ich wunderte mich vor allem über das erstere: Die Nachricht selbst war normal geschrieben. Hatte er (ein schon etwas älterer und eher konservativer Herr) es mal mit der anarchisch bequemen Variante probieren wollen, die in der Generation Online verbreitet ist - und sich dann doch vorsichtig auf den Titel beschränkt? Oder war es schlicht Fahrlässigkeit wie der Fehler auch?
Eben kam mir jedoch etwas wieder in den Sinn, was ich selber einmal in einem Buch als Zeugnis für den durchweg sozialen Charakter der Schrift in Japan angeführt hatte: Aus Höflichkeit schrieb man früher Kondolenzkarten mit blasser, verdünnter Tusche, um zu zeigen, wie überraschend und bestürzend die Nachricht vom Tod gekommen sei. (Die 'Botschaft' lautet: Ich hatte keine Zeit, die Tusche sorgfältig anzureiben, deshalb ist sie dünn - wobei man sie selbstverständlich sorgfältig und in Ruhe verdünnt.)
Und im Reflex dieser Erinnerung lesen sich die Fehler im Betreff der Email auf einmal wie eine absichtsvolle Entstellung, die mir höflich die Entschuldigung kommuniziert: Ich bin hier so in verlegener Eile, so hilflos ausgesetzt zwischen Früher und Später, da ich Ihnen endlich schreiben muss und doch noch immer nichts zu sagen habe - dass mir diese Unaufmerksamkeiten unterlaufen!
Und ich habe die Email natürlich einfach mit Klick auf den Return-Button beantwortet, so dass die Zeichen der Zerknirschung ihres Senders dort nun immer noch stehen. Habe ihm seine Entschuldigung zurückgeschickt! Dabei streicht man in Japan sogar das höfliche 御 vor den Feldern beim Ausfüllen eines Formulars.
Und vollkommen wird dieser Fauxpas - nicht mein erster und wohl kaum mein letzter - dadurch, dass das alles vielleicht bloß meiner Einbildung entspringt. Japan, das ist mein Phantasma. Ein aus meinen Unaufmerksamkeiten zusammengesetztes System.
Mir fielen die Kleinschreibung und der Tippfehler im Titel auf, und ich wunderte mich vor allem über das erstere: Die Nachricht selbst war normal geschrieben. Hatte er (ein schon etwas älterer und eher konservativer Herr) es mal mit der anarchisch bequemen Variante probieren wollen, die in der Generation Online verbreitet ist - und sich dann doch vorsichtig auf den Titel beschränkt? Oder war es schlicht Fahrlässigkeit wie der Fehler auch?
Eben kam mir jedoch etwas wieder in den Sinn, was ich selber einmal in einem Buch als Zeugnis für den durchweg sozialen Charakter der Schrift in Japan angeführt hatte: Aus Höflichkeit schrieb man früher Kondolenzkarten mit blasser, verdünnter Tusche, um zu zeigen, wie überraschend und bestürzend die Nachricht vom Tod gekommen sei. (Die 'Botschaft' lautet: Ich hatte keine Zeit, die Tusche sorgfältig anzureiben, deshalb ist sie dünn - wobei man sie selbstverständlich sorgfältig und in Ruhe verdünnt.)
Und im Reflex dieser Erinnerung lesen sich die Fehler im Betreff der Email auf einmal wie eine absichtsvolle Entstellung, die mir höflich die Entschuldigung kommuniziert: Ich bin hier so in verlegener Eile, so hilflos ausgesetzt zwischen Früher und Später, da ich Ihnen endlich schreiben muss und doch noch immer nichts zu sagen habe - dass mir diese Unaufmerksamkeiten unterlaufen!
Und ich habe die Email natürlich einfach mit Klick auf den Return-Button beantwortet, so dass die Zeichen der Zerknirschung ihres Senders dort nun immer noch stehen. Habe ihm seine Entschuldigung zurückgeschickt! Dabei streicht man in Japan sogar das höfliche 御 vor den Feldern beim Ausfüllen eines Formulars.
Und vollkommen wird dieser Fauxpas - nicht mein erster und wohl kaum mein letzter - dadurch, dass das alles vielleicht bloß meiner Einbildung entspringt. Japan, das ist mein Phantasma. Ein aus meinen Unaufmerksamkeiten zusammengesetztes System.
wernurwer - 21. Feb, 14:32
