26
Jan
2009

Verlust der Möglichkeit zu schweigen

M. hatte eine Mittelohrentzündung und war für eine Weile fast taub. S., seine Frau, erzählt, die sonderbarste Komplikation dieser kranken Zeit sei, dass er die Möglichkeit zu schweigen verloren habe: Wenn er nicht reagiert auf etwas, was sie sagt, glaubt sie, er habe sie nicht verstanden - und wiederholt den Satz lauter und lauter, bis er antwortet. Und das bei einem Mann, für den Schweigen sehr wichtig zu sein scheint. Und einer Frau, die wie kaum eine zweite das Reden beherrscht.

24
Jan
2009

Vor den Hörnern eines Stiers

T., den ich in einem Chat kennen gelernt habe, wollte, dass wir telefonieren. Ich habe ihn angerufen. Wir haben eine gute Stunde miteinander gequatscht.

Zuerst die Überraschung: was für eine Stimme er hat. Viel realer (oder realistischer), als es für die klangliche Existenz von jemandem sein dürfte, der sich aus freundlich schüchternen, manchmal für ein paar Sätze vor Begeisterung sprudelnden Kurztexten erhebt.

Die Anlässe dieser Begeisterung haben mir besonders gefallen: Mein Hinweis, dass ich gerade Minois’ Geschichte der Zukunft lese („die geschichte der zukunft ist doch toll“ – ohne Anführungen, so dass offen blieb, ob er das Buch kannte oder einfach die Sache selbst meinte). Oder Politik! Er studiert Romanistik und hat ein Faible für den künstlerischen Widerstand gegen das Franco-Regime. In seinem Fotoalbum findet sich etwa das Bild eines Matadors, der vor den Hörnern des Stiers flüchtet. Auf meine Frage, ob er den Stierkampf liebe (ich füge vorsichtshalber hinzu, dass ich weder ein militanter Tierschützer noch überhaupt besonders politisch korrekt sei und er es im Zweifelfall getrost zugeben könne), kommt die Antwort: nein, bin ich nicht. das ist ein subversiv gemeintes foto, deshalb läuft der kämpfer davon.

Überhaupt gebraucht er gern und wie selbstverständlich das Wort „subversiv“. Was ich ebenfalls mag an jemandem, der auf seinem eigenen Profilpic aussieht, als könne er selber ein junger spanischer Bürgerkriegsheld sein (oder zumindest der Statist in einem Film über den Widerstand).

Nun im Kontakt von Stimme zu Stimme ein anderes Bild. Er redet schnell, ich komme manchmal kaum zu Wort, beobachte mich mit gemischten Gefühlen dabei, wie ich etwas ausstoße, was in einer Plauderei über nichts Besonderes laut und gehetzt wirkt. Und mir fällt bald auf, wie unsere Unterhaltung mehrheitlich aus Verurteilungen oder negativen Urteilen besteht: Die Schattenseiten seiner und meiner Uni. Die von Düsseldorf und von Berlin. Er hat wenig Verständnis für Bekannte, die ihr „sicheres“ Studium in Duisburg-Essen aufgegeben haben, um in Berlin zu leben und dort die Boheme oder ihr Klischee davon zu genießen – „ohne richtige Perspektive“. Obwohl sich meine Faszination an der Berliner Szene in Grenzen hält und ich Kritik an der Verbreitung von Berlin-Klischees in Berlin durchaus zustimmen könnte, hindern mich die Motive, die hinter seiner Ablehnung aufscheinen. Jaja, er sei schon jemand, der einen Plan brauche. Und ich ahne, dass er an mir, dem Älteren, auf dem Weg der akademischen Karriere weiter Fortgeschrittenen nicht zuletzt deshalb interessiert ist, weil er einen Verbündeten gegen das Sichgehenlassen seiner Generation in mir wittert. Einen, der wie er vernünftig auf ein bestimmtes verdächtiges Genießen verzichtet hat – und mit dem zusammen sich etwas vom verlorenen Genuss vielleicht wieder reinholen lässt, ohne die Strukturen zu schwächen.

Und, ja – von den Ergebnissen her sieht es wohl so aus. Und doch, was für ein Irrtum im Grunde!

Das Gespräch ist nicht wirklich gut und nicht wirklich schlecht, nicht wirklich richtig und nicht wirklich verkehrt. „Alles nur ein Versuch, Aufregung zu überspielen“, sagt er zwischendurch (und lässt das „meine“ weg, wie viele Deutsche bei zu persönlichen Sätzen ins „man“ springen). Wir verabschieden uns, weil wir beide aufs Klo müssen.

Später taucht er wieder im Chat auf. Und seltsamerweise – obschon wir praktisch nicht über Sex gesprochen haben außer ganz zum Schluss, als er mir noch mitteilt, dass ein großer Schwanz besser sei als ein kleiner – schickt er plötzlich ein Foto von seinen ausgebeulten Shorts. Und anschließend eins ohne Shorts.

Ich finde es eher überraschend als unangenehm. Ich hätte gern ein Verlaufsprotokoll seiner Gedanken und Affekte der vergangenen Stunde. Hätte es mit mir zu tun, dass das Resultat unseres Telefonats auf seiner Seite Geilheit ist, ich müsste mich geschmeichelt fühlen. Aber ich befürchte, mein Beitrag besteht nur darin, nicht unangenehm von irgendeiner Vorstellung abgewichen zu sein, und die Entwicklung des Abends („von dem thema hab ich grad ne latte“) ist einfach ein Gang der Dinge, eine schwule Dramaturgie, die er kennt und ich nur so halb oder nicht mehr so gut.

Immerhin ist er aufmerksam und sensibel genug zu merken, dass mir der Sinn nicht nach dirty talk steht. Deshalb verabschieden wir uns zum zweiten Mal an diesem Tag nett und mit dem Vorhaben, uns beizeiten in Berlin mal zu treffen.

19
Jan
2009

Träge reiche Geister

Y. berichtet von seiner Geburtstagsparty, er sei so betrunken gewesen, dass er irgendwann nach einer völlig sinnlosen Fahrt von Shinjuku nach Roppongi und zurück auf dem Aoyama Friedhof über einen Grabstein gekotzt habe. Und er fügt hinzu, er sei erleichtert gewesen zu erfahren, dass die Toten dort reiche Leute waren, die in Frieden gestorben sind - so dass es unwahrscheinlich sei, von ihren Geistern verfolgt zu werden.

15
Jan
2009

Schwuler Humor made in Berlin

Lieber ein erregter Unbekannter als ein unbekannter Erreger.

wer hat das copyright auf dein elend?

ceci n'est pas une pipe

Menstruation.... Menstruation.... Ehy Mann, das heißt Demonstration... Egal, hauptsache es fließt Blut!!!

Der Finger steckt im Po und der Schwanz steckt irgendwo............

You never get to heaven if you are scared of getting high.

Lasst uns Arbeitsgruppen bilden und darüber reden ...

Homophobie ist nichts anderes als der zu Ideologie geronnene Akt des angstvollen Arschzusammenkneifens

als die seiten unseres gemeinsamen noch weiß gewesen sind, war der juni salzig und mit gras zugewachsen [國雄]

geist ist geil!

hinhalte-taktik...

Würd' mir ja gern einen runterholen, aber über mir wohnt eine Frau ... !

morgen bin ich eine heilige

In meinem tiefsten Inneren bin ich total oberflächlich.

OHNE ZWANG SOLLTE MAN KEINE VIELHEITEN ANNEHMEN

Ich möchte leben wie Clarissa von Anstetten...

Heute bleibt die Muschi kalt, denn heute wird anal geknallt.

mach mir mal ne nudelsuppe...bevor ich dich besudel, puppe

Willige Drecksau sucht Kerle, die mich hemmungslos ficken, lecke gerne alles ...... Mag Braun - Gelb ......suche auch Gartenmitbenutzung

Hast du mal 5 Minuten zeit und 20cm Platz ?

Rotz nicht auf den Boden, denn es haben genug Leute in die Fresse verdient...

Isch fick disch ...

Wenn ihr mich braucht, ich bin im Kühlschrank!

Irgendwie ist alles komisch

So viele Narren. Und doch ist's irgendwie nicht lustig.
(von: Humanistensau)

14
Jan
2009

Dinge ohne Vernunft

Eine Message, die ein Mädchen, mit dem ich ein bisschen chatte, mir heute geschickt hat:
hu, tue ich unreflektionierte dinge ohne vernunft? Ich weiß es nicht. Vielleicht manchmal.

Aber sonst bin ich eigentlich lieb. Denke ich

...
Ich finde auch, auf ihren Fotos sieht sie lieb aus.

9
Jan
2009

Greek Grandmother

Besuch aus Australien. Wenn Menschen, die ich längere Zeit nicht getroffen habe, von ihrem Leben erzählen, denke ich oft: Das müsste man protokollieren! Das wäre ein wunderbares Detail für eine Erzählung, oder auch einfach so für sich selbst. Und am nächsten Morgen ist es so halbvergessen und schwer zu fassen, als hätte ich selbst es geträumt.

In diesem Fall fällt mir nur eine anekdotische Einzelheit aus A.'s Familiengeschichte noch ein: Ihre Familie ist aus Griechenland nach Australien gekommen, und als die Großmutter zum ersten Mal hinten in einem Auto Platz nehmen sollte, kauerte sie sich mit eingezogenem Kopf auf die Gepäckablage - wie auf einen Kutschbock.

6
Jan
2009

Freundschaft und Bücherverbrennen

Ein paar Sätze von Bataille, in denen er schreibt, was für ihn Freundschaft heißt: Betrunken, bittet er einen ebenfalls betrunkenen Freund, ihm eine Passage aus einem Buch, das er dabei hat, laut vorzulesen. Der Freund tut es.

Starke Bejahung und leise Verneinung bei mir: Ja zur Präzision der Szene - das ist eine hervorragende Definition von dem, was Freundschaft ausmacht, gerade auch in den Affekten, die sie hervorruft (es wäre keine gute Definition, wenn sie in mir nicht sofort den Wunsch provozierte, genau darum zu bitten, und das Hochgefühl der Erinnerung weckte, so etwas getan zu haben). Nein zu dem, was das Wort "betrunken" an Konventionen über die Bitte und ihre Erfüllung verhängt - zu der (wird man das verstehen?) heteronormativen Determinierung dieser Betrunkenheit.

Dieses Nein ist auch ein Ja. - Tatsächlich ist der Freund, der mir für diese Szene einfällt, A., der einzige unter meinen männlichen Freunden, der mit vollem Einsatz die heterosexuelle Komödie spielt. In seiner Nähe verstehe ich, was daran Spaß macht und wozu es sie gibt.

Interessanterweise ist die Szene mit A., mir und einem Buch, an die ich mich erinnere, die einer Verbrennung: Kurz vor meiner Abreise nach Japan im März 2000 sind wir durch St. Pauli gezogen und haben uns wirklich besoffen. Damals lag auch Schnee. Und zu Beginn der Tour (noch ohne Alkoholeinfluss) haben wir auf der Talstraße das Exemplar eines Romans von Alexa Hennig von Lange verbrannt, einfach weil das Buch es verdiente. Genauer gesagt, wollte ich es verbrennen und hatte ihn gebeten, mir bei dieser nicht eben politisch korrekten Aktion Beistand zu leisten. Und er hat sein großes männliches Feuerzeug gezückt und es an die Seitenecken gehalten.

4
Jan
2009

G. (Erotik eines Großen)

Beim Morgenkaffee wieder kurz an G. gedacht, der meinem täglichen Leben so entfernt ist, dass ich jetzt sogar Schwierigkeiten hatte, mich an seinen Namen zu erinnern. Wir hatten uns zuletzt vor Weihnachten gesehen.

G. ist ein ideales Objekt, um ein bisschen verliebt und erotisiert zu sein - und ich brauche diese leichte Streuung des Verliebtseins, auch um die Liebe zu R. in ihrer Strenge zu erhalten (sie läuft selbst Gefahr, zu einem Liebe-Spielen zu werden).

Ich mag an G. seine Größe. Er ist weit über einsneunzig, vielleicht sogar zwei Meter groß, und sein jungenhafter Charme scheint in diesen gewaltigen Gliedern umherzuwieseln wie ein Lehrling in einem Stummfilm, der in dessen Abwesenheit ganz allein den Betrieb seines Meisters zu führen hat und dabei in komischen Improvisationen zwischen den verschiedenen Orten und Rollen hin und her springt.

Und ich mag den Geschmack, mit dem er sich kleidet, dieses überzählige Quäntchen Sorgfalt beim Herstellen von Coolness, das daraus etwas Schwebendes (nicht vollends Hängendes) macht - eine Spur von Unsicherheit, die sich gerade in der Sicherheit der Auswahl und der Perfektion des Tragens zeigt.

Wenn sein T-Shirt beim Aufstehen hochrutscht, wird über Jeans und Shorts eine etwas breite Taille sichtbar. Er wirkt insgesamt schlank, da er ein solcher Hühne ist, aber um diese Mitte herum ist sein Körper eher verschwommen als mager, und das gibt ihm etwas Träges und unfreiwillig Laszives. Er ist offensichtlich zu faul für Sport - träge und narzisstisch zugleich.

Ich stelle mir vor, wie es wäre, ihn zu küssen. Seine Lippen sind auf eine interessante Art gespannt, wenn er redet (und dabei meistens etwas lacht). Den überlangen Rücken in den Armen zu halten. Ich stelle mir seinen Schwanz vor im Verhältnis zum Rest.
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