Ich bezweifle, dass ich mir diese Cornelia Funke-Verfilmung ansehen oder jemals eins ihrer Bücher lesen werde, aber wenn ich die Reaktionen in Presse und TV richtig deute, ist das so eine Art Wiederkehr von Michael Ende in der Harry Potter-Epoche?!
Endes Leistung (oder Verbrechen, je nach Perspektive) bestand ja darin, den Eskapismus von Fantasy in den Eskapismus von Literatur selbst verwandelt zu haben:
Die vulgäre Fantasy-Geschichte vom
Herr der Ringe-Typ war eskapistisch auf der inhaltlichen Ebene: die Teilung der Welt in Gute und Böse, Gestalten des Lichts und der Finsternis; die Codierung jedes menschlichen, gesellschaftlichen, politischen, ja selbst ökonomischen Problems gemäß dieser simplen moralischen Opposition; die holzschnittartige Archetypik der Charaktere, das Tilgen alles wirklich Widersprüchlichen ebenso wie des Verschwommenen, Nicht-Intelligiblen (selbst das Irrationale ist in der Fantasy vollkommen intelligibel, folgt einem klaren Schema); die Definition einer sachlich simplen (aber in ihrer Größe heroisch aufgeblasenen) Aufgabe; die Leugnung von Kontingenz, da alles vage "schicksalhaft" ist; die prä-soziale Architektur der Universen, die nur aus Völkern, Geschlechtern, Spezies und archaischen Gemeinschaften bestehen...
Endes Geschichten griffen diese Schemata zwar auf, konnten aber auf der inhaltlichen Ebene durchaus komplexer sein: Gut und böse waren eher die Konsequenzen bestimmter Affekte und Interpretationen des grundsätzlich heiklen und schwierigen, daher stets gefährdeten menschlichen Daseins als feststehende Seinsformen. Wer etwa der durchaus verständlichen Angst vor der Flüchtigkeit von Zeit erlag, verfiel dem ökonomischen System, das Zeit stiehlt, um Zeit "zu sparen" - und wird zu einem grauen Mann, einem Agenten des Bösen. Das Gute bewies sich demgegenüber als Gelassenheit, Unbekümmertheit, Vertrauen in die Gunst der Stunde - und hatte so die Kraft, die zu Gewalttätern gewordenen Opfer der Angst zu erlösen. Endes Fantasy-Welten mit ihren helleren und dunkleren Wesen gaben sich immer als Veräußerlichungen bestimmter innerer Haltungen eines Beobachters zu erkennen, der selbst aktiv Teil der Handlung war. Und je nachdem, wie diese Haltungen sich änderten, konnten sie auftauchen und verpuffen, mächtig oder schwach sein, feindselige oder hilfreiche Eigenschaften annehmen.
Bezahlt wurde diese Dynamik mit ihrer Einbettung in eine Wertung, die umso aboluter hervortrat: Endes Literatur feierte die Phantasie als jene uneingeschränkt positive Kraft, die es vermag, derartige Welten hervorzubringen und in Bewegung zu halten. Das etablierte eine Opposition, die noch umfassender und unbefragbarer war als die moralischen Oppositionen der konventionellen Fantasy: Phantasie = das Gute, das Lebendige, das Kindlich-Naiv-Neugierig-Offene, das Dynamische, das Anarchische, das Befreiende =
die Literatur. Phantasielosigkeit = das Böse, das Tote, das Erwachsen-Zynisch-Besserwisserisch-Geschlossene, das Starre, das Mächtig-Autoritäre, das Unterdrückende = das Andere der Literatur.
Der Erfolg von Endes Büchern ging so einher mit einer in den Massenmedien unendlich kolportierten Banalisierung von Literatur, die wie Weihnachtskerzen schimmernde (zumeist weibliche) Kommentatorenstimmen emphatisch überzeugt zum magischen Instrument der Phantasie erklärten - und dabei das Glück kommunizierten, dass diese Kunst, durch all die hässlichen Entstellungen und Perversionen, die ihr die Moderne angetan hatte, hier wieder ihre wahre und ursprüngliche Kraft entfaltete: "uns zum träumen zu bringen!"
Dieselben Sätze und dieselben Stimmen nun zu Funke. Man schließt nur mit einem leisen Bedauern, dass die Kraft der literarischen Phantasie im Medium Film, von dem man ja weiß, dass es weniger phantasievoll ist als der Roman, da es eigene Bilder hervorbringt, ein wenig geschwächt werde.
Ich frage mich, wie Novalis reagieren würde, müsste er erfahren, was mit dem romantischen Begriff der Phantasie passiert ist. Vielleicht würde er empfehlen, weniger schlechte Romane und stattessen Businesspläne und wissenschaftliche Förderanträge zu lesen, um dem Phantastischen im 21. Jahrhundert auf die Spur zu kommen.
(Das imposanteste Mahnmal für die von Ende angerichtete Nivellierung von Kinder- und Erwachsenenseelen ist übrigens nach wie vor
Michael Ende du hast mein Leben zerstört von Tocotronic.)
wernurwer - 12. Dez, 11:57