3
Jan
2009

Schnee

Ich hätte nur "es hat heute noch ein bisschen geschneit" geschrieben, weil jeder Schneefall, zumal in diesem neben so vielen anderem auch an Schnee armen Berlin, in einem Tagebuch Erwähnung verdient: als Anlass meiner Freude. Aber dann wollte ich doch etwas Feierlicheres. Dies ist ein frühes Gedicht von John Ashbery mit dem Titel Some Trees.
These are amazing: each
Joining a neighbor, as though speech
Were a still performance.
Arranging by chance

To meet as far this morning
From the world as agreeing
With it, you and I
Are suddenly what the trees try

To tell us we are:
That their merely being there
Means something; that soon
We may touch, love, explain.

And glad not to have invented
Some comeliness, we are surrounded:
A silence already filled with noises,
A canvas on which emerges

A chorus of smiles, a winter morning.
Place in a puzzling light, and moving,
Our days put on such reticence
These accents seem their own defense.

29
Dez
2008

Während eines Jahresrückblicks zu denken

Mir ist oft unklar, was ich an der Welt mögen oder nicht mögen soll (diese Zone der relativen Aufmerksamkeitsverlagerungen diesseits von Liebe und Hass). Und es sind oft Menschen, die dafür sorgen, dass ich etwas doch mag, weil ich sie mag und das, was sie mögen, mit ihren Augen zu sehen lerne.

So läuft in der ARD gerade ein Jahresrückblick, und ich denke an M., der einmal geschrieben hat, er freue sich auf die Jahresrückblicke im Fernsehdezember - was, von einem Vierzehnjährigen bemerkt, einen gewissen Humor hat.

Ich sehe das vergangene Jahr also im Alter von vierzehn noch einmal vorüberziehen: Obama, die SPD-Pleiten, Vladimir Putin, der einen Tiger betäubt...

Tatsächlich hätte ich selbst bei alldem das Gefühl, schon zu lange dabei zu sein, um noch zu spüren, was daran Veränderung, was einfach wie immer ist.

Wenn ich mich frage, ob ich jemals einem Augenblick politischer Veränderung beigewohnt habe, fällt mir seltsamerweise der Tag ein, an dem das Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt durchgesetzt wurde (und das eher nicht wegen der pompösen Geburtstagsfeierlichkeiten der letzten Wochen). Es ist vielleicht zufällig das erste, was ich mitbekommen habe. An der komisch angespannten Atmosphäre in unserem Wohnzimmer, wo mein Vater die Bundestagssitzung mit der Abstimmung live im Fernsehen verfolgte, wurde mir irgendwie klar: es passiert etwas.

Mein Vater pflegte CDU zu wählen, weil er überzeugt war, die Partei sei "besser für uns" (das hieß: uns Besserverdienende). Aber es lag ein Ernst in der Luft, der mehr Bedauern enthielt als Befriedigung über den Regierungswechsel, ja einen Hauch von Bitterkeit. "Schmidt ist ein guter Mann, er gehört bloß zur falschen Partei." So etwas sagten oder dachten damals wahrscheinlich viele unter den CDU-Anhängern. Helmut Kohl dagegen wird er verachtet haben. Als Mann.

Was ich an diesem Vormittag verstand, jedenfalls war: dass Veränderung etwas ist, das die Widersprüchlichkeit des Menschen aktiviert. Für einen Augenblick schien mein Vater im Negativen wie im Positiven mehr zu werden, gleichsam aufzuglühen in einem Verhältnis, in dem Gefühle des Sieges und Gefühle der Niederlage keine Mischung ergaben. Mit der Veränderung wurde die Welt mehr so, wie es seinen Interessen entsprach; und zugleich musste er entdecken, dass es in seinem Willen doch etwas anderes als diese Interessen gegeben hatte - etwas, das nun dem Durchsetzen der Interessen geopfert wurde.

Kohl blieb das unsympathische Gesicht dieser Interessenpolitik. Schmidt wurde in diesem Moment zur Figur des Interessen übersteigenden, obgleich ihnen unterlegenen Willens. Ich nehme an, mein Vater hätte auf die derzeitige Popularität des Ex-Kanzlers mit einer anderen Begeisterung reagiert als ich (ich halte ihn lediglich für einen selbstsicheren alten Mann, der viel dummes Zeug redet und dazwischen ab und zu Sätze einstreut, mit denen man nichts falsch machen kann). Mein Vater hat das Ende der Ära Kohl nicht mehr erlebt.

Was mich im Fall Obama misstrauisch bleiben lässt (oder eigentlich weniger von einem aktiven Misstrauen erfüllt als von einer Unfähigkeit zur echten Freude auf Abstand gehalten), ist das Fehlen jedes widersprüchlichen Gefühls angesichts seiner Wahl, ja sogar angesichts der unverkennbar überzogenen Hoffnungen, die man auf ihn projiziert. Er ist nur zu begrüßen. So etwas hat es nicht gegeben, seit ich Politik überhaupt als solche wahrnehme. Und trotzdem scheint es zu eindimensional für das, was Veränderung bisher war. So als sei "change" eine Münze mit bloß einer Seite.

Aber ich schaue die Sendung weiter und stelle mir vor, dass M. sie auch sieht. Manchmal erwische ich mich dabei, wie ich in Gedanken mit ihm rede, als sei er mein Sohn. Und dann kriege ich Hunger und schalte doch vorzeitig ab, um den Kühlschrank zu inspizieren.

21
Dez
2008

Das Vorletzte

Gestern Nacht, nachdem E.'s erste Gäste gegangen waren und der Rest sich in ihr Zimmer um den Schokoladenbrunnen zurückgezogen hatte, nutzte ich die Verschnaufpause, um mich an den Rechner zu setzen und etwas zu schreiben statt zu reden. M., mit dem ich seit einem halben Jahr maile, schickte mir eine Kurzgeschichte über einen Selbstmörder -

jemanden, der sich in den Kopf schießt und sich anschließend nicht so recht klar ist, ob er tot ist und was das heißt: Er schnappt Gesprächsfetzen auf, die aus der Wohnung über seiner zu kommen scheinen, aber ebenso gut zu etwas anderem gehören könnten, das sich nur noch wie Sprache anhört; er krabbelt in einen Backofen und kommt in einer dimensionslosen Weißheit heraus, bei der es sich vielleicht um das Jenseits handelt, vielleicht aber auch nur um ein etwas seitlich verrücktes Diesseits.

Ich schrieb eine rasche Antwort, die abbrach, als die Verbliebenen ebenfalls ihre Jacken und Mäntel aus meinem Zimmer holten und sich verabschiedeten. Und wie häufig setzt sich mein Antworten am nächsten Tag während anderer Tätigkeiten fort:

Ich habe ihm erzählt, dass ich morgen zu meiner Mutter und ihrem Freund fahre, um dort mit ihnen und R. zusammen Weihnachten zu verbringen. Das erinnert mich an einen Abend im vergangenen Jahr, wo wir spät alle Vier noch vor dem Fernseher hingen - es lief eine hirnrissige Pseudodokumentation auf dem Discovery Channel: drei Männer, die im Hochgebirge verunglückten und unter den abenteuerlichsten Umständen um Haaresbreite überlebten.

Die nachgestellte Geschichte wirkte stark aufgebauscht. Was man sah, waren sozusagen die Bild gewordenen Prahlereien von Bergsteigern, die überstandene Leiden bei jeder Wiederholung des Berichtes stärker und stärker ausschmückten. Doch in all diesem männlichtuerischen Gefasel gab es ein Detail, dessen Wahrheit mir sofort evident war:

Abgeschnitten von seinen Kameraden, in eine Gletscherspalte gestürzt und schwer verletzt vom Sturz, liegt einer der Männer entkräftet und ohne Aussicht auf Rettung am Boden, und nach einer Phase der hilflosen und zunehmend sinnlosen Auflehnung beginnt er zu sterben.

Und als er allmählich wegdämmert und versteht, dass dies das Ende ist, taucht auf einmal aus der Tiefe seines unvollständigen Vergessens eine Melodie auf.

Und diese Melodie gehört zu einem Song von Boney M. Es ist ein Song aus den 80ern, ein ganz und gar fürchterlicher Song von einer fürchterlichen Band.

Der Mann ist selbst entsetzt. Er hat dieses Lied seit vielen Jahren nicht gehört, zumindest nicht bewusst, und er hat es nie gemocht, findet es auch jetzt nervtötend, nicht im mindesten schön, nicht einmal bedeutungsvoll - die banale Melodie, getragen von einem plumpen Stampfrhythmus, löst keinerlei Assoziationen bei ihm aus, legt keinen Zusammenhang frei, der ihm am Ende seines Lebens etwas über sich selbst offenbarte. Da ist überhaupt kein bisschen Selbst in dieser elenden Populärmusik, die nicht aufhört in seinem Kopf abzulaufen, immer und immer wieder mit derselben Sequenz.

Sämtliche Anstrengungen, mit dem Quäntchen Geisteskraft, das ihm verbleibt, etwas Persönliches da herauszuhören, gleiten an der stumpfen Anonymität des Bah-Bah-Bah-Bah-Bah ab. Und irgendwann gibt er es auf.

Und ich bin überzeugt, dass Sterben genau so sein wird: Das Vorletzte wird etwas unerhört Unwesentliches sein. Und etwas Letztes wird es nicht geben.

17
Dez
2008

Wenn Japanerinnen ins Bett gemacht haben...

Heute gab es u.a. dieses kleine japanische Video, dessen Heldin am Ende die nasse Matratze fönt (ich liebe japanische Pornos für solche Details).

Und eine interessante Diskussion mit dem Künstler T.S.

15
Dez
2008

Die Pornos von heute

Ich sollte eigentlich einen Teil dieser Tagebucheinträge damit bestreiten anzugeben, was für Pornos ich in meiner "Mittagspause" geguckt habe. Für manche Tage scheint mir das das einzige Unterscheidungskriterium zu sein, das einen Aussagewert besitzt. Zu Anfang wäre zu verzeichnen:

Habil: kleinen bis mittleren Schritt weitergekommen (nicht unzufrieden).

Und dann:

http://www.cam4.com/circus19 - zwei italienische Jungs, die sich auf der Seite als "hetero" eingetragen haben und heute während des (offenbar nicht besonders intensiv beaufsichtigten) Schulunterrichts vor einem Rechner mit Webcam hockten. Feixend und hibbelnd amüsierten sie sich über die Flut von Messages, die da in vielen Sprachen hereinströmten und sie dazu aufforderten, die T-Shirts auszuziehen, ihre Schwänze rauszuholen, sich zu küssen. Insbesondere der Linke, ein schlaksiger Blondschopf mit Basecap, war das Lieblingsobjekt der Kommentatoren, während sein Freund, der das Tippen übernahm und die treibende Kraft der Aktion schien, sich wegen seiner dicken schwarzen Augenbrauen als "Italian Beavis" bezeichnen lassen musste (eine Anspielung, die er vermutlich schon historisch nicht verstand).

Die beiden sonnten sich im Strom des Begehrens, ohne allzusehr auf die Forderungen einzugehen. Der Blonde stand zwischendurch auf und hob kurz sein sehr weites und sehr rotes T-Shirt, um ein paar mäßig interessante Teenagerbauchmuskeln zu entblößen (weder trainiert noch wahrnehmbar zart). Statt des Kusses gab es bloß die schwache Andeutung einer Umarmung - nicht einmal berühren mochten sie sich.

Eigentlich also keine Pornographie (sonst wäre der Administrator der Seite vermutlich rasch eingeschritten). Aber natürlich liegt nicht nur die Schönheit, sondern auch das Pornographische im Auge des Betrachters. Der Körper des Blonden, der sich unaufhörlich bewegte, dessen Finger imaginäre Strähnen aus dem Gesicht strichen, das Kinn kratzten, etwas an der Kleidung oder den Schirm der Mütze zurechtzupften, explodierte geradezu vor unfreiwilligen Zeichen. Und das Unfreiwillige war durch die Situation selbst als das Erotische codiert, denn was die beiden deutlich sichtbar nicht wollten und doch nicht vollends zurückhalten konnten, war Sex.

http://grou.ps/sexyyoung/videos/7767 - ein Video mit dem Titel "Outdoor love", auf dessen Still man nicht viel erkennen konnte außer zwei Silhouetten im Grünen und das ich im Grunde nur wegen dieses Titels (und weil man nichts Genaues, d.h. nichts Enttäuschendes darauf erkennen konnte) angeklickt habe: Ziemlich regelmäßig falle ich auf das Wort "love" im Zusammenhang mit Pornos herein. Obwohl mir klar ist, dass nichts dergleichen mich erwartet, hat das Wort eine Signalwirkung, der ich mich schwer entziehen kann oder möchte. Die bloße Idee eines sozusagen akzidentellen katastrophalen Crashs, bei dem die Ordnung des pornographischen Sex und die der Liebe sich auch nur für den Bruchteil einer Sekunde ineinander verkeilen, reicht, um es wider besseres Wissen immer wieder zu versuchen. In diesem Fall für 3 Sekunden - dann sind die beiden "Boys" als leicht untersetzte osteuropäische Herren in den späten 20ern enttarnt, die sich neben zwei auf dem Rasen ausgebreiteten Badelaken kraftvoll die Zunge in den Mund schieben.

http://pissing-shitting-farting.ning.com/video/girl-wetting-while-sleeping - Pornos von Schlafenden sind selten überzeugend. Sowieso lässt Schlafen sich schwierig spielen, und bei Laiendarstellern sieht es meistens nach sehr angespanntem Nichtreagieren aus. Dieses Video ist auch keine Ausnahme. Aber ich mag den Hauch eines Lächelns auf dem Gesicht der sich schlafend stellenden Frau (die voll geschminkt ist und Schmuck im Haar hat - um wie viel man Pornos verbessern könnte, wenn nur jemand ein bisschen auf die Details achtgäbe!). Und den überflüssigen Typen, der sich neben ihr auf die Seite gedreht hat (bei der gnadenlosen Sparsamkeit der Billigproduktionen erscheint mir das geringste Zeichen von Verschwendung wie ein großes Geschenk). Außerdem finde ich beim Pinkeln das "es laufen lassen" geil, der Verlust oder die Aufgabe der Körperkontrolle (der Zivilisation). Pinkeln, das "dirty" aussehen soll, wirkt im Film dagegen gewöhnlich albern, weil der Geruch/Geschmack fehlt und diese eigenartige Wärme des Urins, die zärtlich, aber auch eklig sein kann.

Das waren 3 von 30 oder so - mehr auf ein Mal zu beschreiben wird mir sicher niemals gelingen.

12
Dez
2008

Cornelia Funke du hast unser Leben zerstört

Ich bezweifle, dass ich mir diese Cornelia Funke-Verfilmung ansehen oder jemals eins ihrer Bücher lesen werde, aber wenn ich die Reaktionen in Presse und TV richtig deute, ist das so eine Art Wiederkehr von Michael Ende in der Harry Potter-Epoche?!

Endes Leistung (oder Verbrechen, je nach Perspektive) bestand ja darin, den Eskapismus von Fantasy in den Eskapismus von Literatur selbst verwandelt zu haben:

Die vulgäre Fantasy-Geschichte vom Herr der Ringe-Typ war eskapistisch auf der inhaltlichen Ebene: die Teilung der Welt in Gute und Böse, Gestalten des Lichts und der Finsternis; die Codierung jedes menschlichen, gesellschaftlichen, politischen, ja selbst ökonomischen Problems gemäß dieser simplen moralischen Opposition; die holzschnittartige Archetypik der Charaktere, das Tilgen alles wirklich Widersprüchlichen ebenso wie des Verschwommenen, Nicht-Intelligiblen (selbst das Irrationale ist in der Fantasy vollkommen intelligibel, folgt einem klaren Schema); die Definition einer sachlich simplen (aber in ihrer Größe heroisch aufgeblasenen) Aufgabe; die Leugnung von Kontingenz, da alles vage "schicksalhaft" ist; die prä-soziale Architektur der Universen, die nur aus Völkern, Geschlechtern, Spezies und archaischen Gemeinschaften bestehen...

Endes Geschichten griffen diese Schemata zwar auf, konnten aber auf der inhaltlichen Ebene durchaus komplexer sein: Gut und böse waren eher die Konsequenzen bestimmter Affekte und Interpretationen des grundsätzlich heiklen und schwierigen, daher stets gefährdeten menschlichen Daseins als feststehende Seinsformen. Wer etwa der durchaus verständlichen Angst vor der Flüchtigkeit von Zeit erlag, verfiel dem ökonomischen System, das Zeit stiehlt, um Zeit "zu sparen" - und wird zu einem grauen Mann, einem Agenten des Bösen. Das Gute bewies sich demgegenüber als Gelassenheit, Unbekümmertheit, Vertrauen in die Gunst der Stunde - und hatte so die Kraft, die zu Gewalttätern gewordenen Opfer der Angst zu erlösen. Endes Fantasy-Welten mit ihren helleren und dunkleren Wesen gaben sich immer als Veräußerlichungen bestimmter innerer Haltungen eines Beobachters zu erkennen, der selbst aktiv Teil der Handlung war. Und je nachdem, wie diese Haltungen sich änderten, konnten sie auftauchen und verpuffen, mächtig oder schwach sein, feindselige oder hilfreiche Eigenschaften annehmen.

Bezahlt wurde diese Dynamik mit ihrer Einbettung in eine Wertung, die umso aboluter hervortrat: Endes Literatur feierte die Phantasie als jene uneingeschränkt positive Kraft, die es vermag, derartige Welten hervorzubringen und in Bewegung zu halten. Das etablierte eine Opposition, die noch umfassender und unbefragbarer war als die moralischen Oppositionen der konventionellen Fantasy: Phantasie = das Gute, das Lebendige, das Kindlich-Naiv-Neugierig-Offene, das Dynamische, das Anarchische, das Befreiende = die Literatur. Phantasielosigkeit = das Böse, das Tote, das Erwachsen-Zynisch-Besserwisserisch-Geschlossene, das Starre, das Mächtig-Autoritäre, das Unterdrückende = das Andere der Literatur.

Der Erfolg von Endes Büchern ging so einher mit einer in den Massenmedien unendlich kolportierten Banalisierung von Literatur, die wie Weihnachtskerzen schimmernde (zumeist weibliche) Kommentatorenstimmen emphatisch überzeugt zum magischen Instrument der Phantasie erklärten - und dabei das Glück kommunizierten, dass diese Kunst, durch all die hässlichen Entstellungen und Perversionen, die ihr die Moderne angetan hatte, hier wieder ihre wahre und ursprüngliche Kraft entfaltete: "uns zum träumen zu bringen!"

Dieselben Sätze und dieselben Stimmen nun zu Funke. Man schließt nur mit einem leisen Bedauern, dass die Kraft der literarischen Phantasie im Medium Film, von dem man ja weiß, dass es weniger phantasievoll ist als der Roman, da es eigene Bilder hervorbringt, ein wenig geschwächt werde.

Ich frage mich, wie Novalis reagieren würde, müsste er erfahren, was mit dem romantischen Begriff der Phantasie passiert ist. Vielleicht würde er empfehlen, weniger schlechte Romane und stattessen Businesspläne und wissenschaftliche Förderanträge zu lesen, um dem Phantastischen im 21. Jahrhundert auf die Spur zu kommen.

(Das imposanteste Mahnmal für die von Ende angerichtete Nivellierung von Kinder- und Erwachsenenseelen ist übrigens nach wie vor Michael Ende du hast mein Leben zerstört von Tocotronic.)

11
Dez
2008

Stollen

In der aktuellen Ausgabe des Berliner TIP (also keiner sehr zuverlässigen Quelle) habe ich gelesen, dass der Christstollen tatsächlich das Christuskind symbolisieren soll: Der weiß gepuderte Laib erinnere an das eingewickelte Baby.

Abgesehen davon, dass sie zur menschenfresserischen Vergnüglichkeit der Eucharistie passt, leuchtet mir diese Symbolik, obgleich ich sie niemals erraten hätte, auch deshalb ein, weil sie die eigenartige Verbindung des Köstlichen und des Unappetitlichen beim Stollen erklärt. Ich esse Stollen mit Genuss erst seit zwei oder drei Jahren. Vorher mochte ich ihn überhaupt nicht - und kenne nicht Wenige, die unter allem Weihnachtsgebäck Stollen niemals anrühren würden, sogar offen sagen, dass sie ihn ekelhaft finden.

Dieser Ekel, an den ich mich in einer etwas abgeschwächten Form selber erinnere, hat gewiss seine Berechtigung. Stollen ist das wahrscheinlich unheimlichste Backwerk, das ich kenne. Man weiß nicht genau, was man da isst, wenn man es tut. Und die Wirkung dieses Unwissens ist unscheinbarer, subtiler und hinterhältiger als bei jenen spektakulär widerwärtigen Speisen, die kulturell eindeutig stigmatisiert sind.

Die Konsistenz von Stollen ist uneinheitlich, ja gerade so, als sollte niemand erkennen, was genau drin ist und wie es zu einander in Beziehung steht, während sich die Teile aber auch nicht zu einem geheimnisvollen Ganzen verbinden, in dessen Körper sie (im Hegelschen Sinne) aufgehoben wären. Die Elemente des Stollen sind nur sehr locker verbunden, und dieses Lockere ist eine bröckelnde Lockerheit, etwas wie feines Geröll, in dem die festeren Partien erst recht seltsam und fast störend wirken: Manche Stollen haben einen Marzipankern. Mit den Zähnen zwischen kreidigem Puderzucker, grieselndem Teig, Rosinen und kandierten Fruchtstücken, Mandel- und Nusssplittern schließlich auf die klebrige, feuchweiche Masse zu stoßen, schockiert mich jedes Mal. Bei anderen liegt das Marzipan als dünne Schicht zwischen Teigkörper und Zuckerhülle und verursacht eine vorübergehende Irritation, die man beim Kauen in kleinen Stückchen wiederfindet.

Stollen lässt sich nicht essen, ohne sofort Schneidebrett, Teller, Tisch und Serviette mit dem weißen Puder zu besudeln. Die einzelnen Scheiben sind brüchig. Ich esse sie (nach einer Tradition, die ich für norddeutsch halte) mit Butter belegt. Die weiße Fettschicht verleiht dem Stollen eben genug Solidität, um davon abzubeißen, ohne von der fragilen Konsistenz beunruhigt zu sein. Außerdem neutralisiert die Butter ein Stück weit die unklare Süße. Stollen pur ist mir zugleich zu süß und nicht süß genug, weshalb es hilft, ihn in eine Art Brot zu verwandeln.

Wonach schmeckt Stollen? Schwer zu sagen. Mal nach dem, mal nach dem - je nachdem, welche Aggregation von Ingredienzien man gerade im Mund hat. Der Geschmack bleibt weitgehend Andeutung, eine grobe (mit dicken, stark aufgedrückten Stiften gezeichnete) Skizze davon, wie ein ziemlich komplexes Gebäck schmecken könnte. Auf der Spur des Geschmacks will ich viel Stollen essen, da der einzelne Bissen oder die einzelne Scheibe kaum befriedigt. Die nächste Scheibe müsste mehr Klarheit bringen. Irgendwann setzt dann jedoch eine heftige, eher unangenehme Sättigung ein (und genau genommen spürt man sie schon nach dem ersten Bissen).

Und natürlich der Name: In meiner Vorstellung (aber kann man sich das anders vorstellen?) verweist "Stollen" auf eine Leere, einen dunklen Tunnel, der sich durch die Erde zieht. Und diese Leere nun quasi mit umgekehrtem Vorzeichen, als etwas Positives, (beinahe) Massives vor mir zu haben, versteckt unter weißem Staub, macht sie in gewisser Weise noch unheimlicher. Meine Assoziation zu "Stollen" ist der Tunnel, den man fressen muss, um durch die Grießbreimauer ins Schlaraffenland zu gelangen: zu viel essen, um unendlich viel essen zu dürfen. Jeder Stollen sieht für mich aus wie ein endlicher Abschnitt dieser Strecke in die Unendlichkeit. Und das macht ihn ebenso verlockend wie bedrohlich.

8
Dez
2008

Feister Geist

Ein Geisteswissenschaftler kann körperlich so widerwärtig sein, dass es mir nicht möglich ist, dem, was er sagt, irgendeine fachliche Fairness oder intellektuelle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen (obwohl der, den ich heute drei Stunden ertragen musste, auch da vermutlich schlecht abschneiden würde). Es gibt zum Beispiel ein Dicksein, das einfach eine Kugelförmigkeit ist, ein kosmisches Rollen, wie bei Chesterton. Und es gibt eine Feistheit, die dadurch entsteht, dass die Selbstgefälligkeit sich als Fett materialisiert, wie bei S. G.

Ich bin sehr schlecht gelaunt und frustriert, weil ich nicht getan habe, was man hätte tun müssen: etwas langes Spitzes in den ekelhaften Kloß bohren, der nicht aufhört, von der Anmut des athletischen Körpers und den Wonnen der sinnlichen Erfahrung zu faseln.
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