21
Nov
2008

Wannseetagung

Vormittags im Schneeregensturm am Wannsee angekommen. Kleist. Ein Vortrag über Penthesilea und die Körpertechniken des Krieges. Ein Vortrag von A. über das Marionettentheater (ihretwegen war ich eigentlich da). Ein paar Mal nach hinten geschaut, während der liegengebliebene Schnee sich auflöste. Nicht so oft und ausführlich, wie ich wollte, da noch jemand hinter mir saß. Nach der Diskussion noch ein wenig mit A. geplaudert. Zwei Bekannte von ihr nicht kennen gelernt. Dann nach Hause gefahren.

Manchmal besteht Wissenschaft einfach aus Hinfahren, Dasitzen, Aufbrechen; aus getäfelten Wänden, stilvollen Schwarzweißfotos, deren Motive man nicht genauer betrachtet, den lichten Hinterköpfen älterer Herren; aus einem unsicheren, über viele Äh's wie von Eisscholle zu Eisscholle hastenden Vortragsstil und einem ruhigeren, gleichmäßigeren; aus Leere im Magen und einer halb vollen Blase, aus etwas zu kalt und etwas zu warm.

20
Nov
2008

Ein Kind haben

Nach längerer Zeit H. getroffen. Sie hat fünf oder sechs Freundinnen aufgezählt, die zurzeit schwanger sind. Und das verhärtete Gesicht imitiert, das sie bei ihrem Partner beobachten musste, als er einer von denen begegnete.

H. bekräftigt, sie sei hundertprozentig sicher, dass sie kein Kind will. Ich wollte, ich wäre mir in der spiegelverkehrten Situation mit R. ebenso sicher.

Der Unterschied ist wahrscheinlich auch, dass H. ihren Freund verzichtbarer findet als ich R. Seine Enttäuschung schmerzt sie, aber so, als hätte er ein körperliches Leiden, mit dem sie nur als Zeugin und Begleiterin zu tun hat. Ich dagegen würde mich wohl ein Leben lang persönlich für R.'s Unglück verantwortlich fühlen.

Aber die "einfache Wahrheit", dass wir "nicht zusammenpassen", dass unsere "Vorstellungen vom Leben" zu verschieden sind - das kommt mir vor wie eine unzulässig banalisierende Interpretation, wie wenn man die Handlung eines Romans von Musil in den Kategorien wiedergibt, die Zeitschriften verwenden, um von "Männnern" und "Frauen" zu sprechen. (Wobei man sich heute zweifellos lächerlich macht, wenn man das eigene Leben für einen Roman von Musil hält.)

Was mich am meisten ärgert an dieser Lebensentscheidung mit dem Titel Ein Kind haben ist, dass es nur das Ja und das Nein zu geben scheint. Alles andere, das Wie des Entscheidens und des Entschiedenen, die Bedeutung, die vielen widersprüchlichen Gefühle dabei, werden restlos in dem Ja oder dem Nein verschwinden. Es ist nicht wie beim Heiraten, wo man bis zum Ende immer wieder Zeit hat, allein oder gemeinsam zu bestimmen, was das heißt: verheiratet sein. Beides, das Ja ebenso wie das Nein, ziehen im Falle des Kindes, das sie zur Folge haben oder blockieren, eine Gleichgültigkeit um sich zusammen: eine eisige beim Nein; eine dümmliche beim Ja.

Und mein Herz ist voll von kleinlichen Erwägungen, welcher Verlust von Bestimmungsmacht über das, was unser Leben werden sollte, der etwas geringere oder eher verschmerzbare wäre. Und welche Arbeit, es R. nicht zu verübeln, dass sie mich in die Rolle des feigen Berechnenden zwingt! (Sie hat ein Recht, diese Entscheidung von mir zu verlangen. Ja, aber mein Dasein bislang ist ein einziger Aufstand gegen die Ordnung, die ihr dieses Recht verleiht.)

Sie will am liebsten zwei. Kein Einzelkind wie mich.

19
Nov
2008

Eine Entscheidung für oder gegen das Laufen im Regen

Es regnet wieder stärker, und ich überlege, ob ich trotzdem rüber zum Sportplatz und meine Runden laufen soll oder das Wetter als Ausrede benutze, um etwas, das ich tun sollte, nicht zu tun (Undiszipliniertheit, selbst im Kleinen, ist so verlockend wie eine zweite Tasse Kaffee).

Das ist noch eine Frage, auf die der PISA-Test keine Anwort verlangt. Dabei scheint es mir eine echte Herausforderung an das Leben heute zu sein, solche Entscheidungen intelligent zu treffen. Mit was für einer Intelligenz? Des Genießens. Der Selbstbestimmung dessen, was am Leben nicht allgemein notwendig ist (d.h., in einem eigentlich sehr klaren Sinne, der Freiheit). Des Handelns so, wie es beim 茶道 in den Blick kommt: jede Kleinigkeit eines gewissen begrenzten Zusammenhangs kann, ja sollte Gegenstand einer Aufmerksamkeit werden, die es gestattet, über das Ob, das Wie, das Womit und das Umwessen eine gute Entscheidung zu treffen.

Auf der Kunsttriennale in Yokohama im Oktober war die erste Arbeit, die wir uns angeschaut haben, die Installation einer amerikanischen Künstlerin, deren Namen ich vergessen habe: ein enger Korridor, durch den eben ein einzelner Mensch hindurchgehen konnte, vollgehängt mit Tafeln, die auf der uns zugewandten Seite in Englisch, auf der anderen in Japanisch beschriftet waren (am anderen Ende wurden nur Japaner hereingelassen, an unserm nur Nichtjapaner).

Eine dieser Tafeln hing genau in der Mitte des Korridors. Man musste sich links oder rechts dran vorbeizwängen. Und auf der Tafel stand: Rechts oder links? Die Entscheidung, auf welcher Seite Sie vorbeigehen, wird Ihr gesamtes weiteres Leben beeinflussen. Und Sie wissen nicht wie. Aber Ihr Leben wird ein anderes sein, je nachdem, welchen Weg Sie wählen.

Ich mochte die leichte Boshaftigkeit dieser Arbeit sehr.

Ich habe auch vergessen, auf welcher Seite ich vorbeigegangen bin.

Aber dank dieses Tagebuchs werde ich mich daran erinnern, ob ich heute gelaufen bin oder nicht. Auch wenn ich es jetzt, zu dem Zeitpunkt, da ich dies schreibe, noch nicht definitiv entschieden habe und also nicht aufschreiben kann.

Ich glaube, ich werde laufen. Aber sicher ist es noch nicht (wie könnte es das).

Und wie lange wird dieses Tagebuch seine Aufgabe erfüllen, mich zumindest an diese eine nebensächliche Entscheidung meines Lebens zu erinnern?

18
Nov
2008

Antwort auf eine Frage, die nicht im PISA-Katalog steht

Ich frage mich, wie ich als Schüler reagiert hätte, wenn es damals schon PISA-Tests gegeben hätte. Bewusst falsche Antworten hingeschrieben, um zu verhindern, dass meine Nation oder mein Bundesland eine Chance bekommt, stolz auf mich und meinesgleichen zu sein? Für mich selbst die Kriterien umdefiniert und meinen privaten Wettbewerb organisiert, bei dem es darum gegangen wäre, die maximal dumme Antwort zu finden, die auf eine Frage möglich ist?

S. hat vor ein paar Jahren mal gesagt, was man an unserer Generation lobend hervorhebend könne, sei ihre ziemlich konsequente Weigerung, zu einer Generation von Hochleistern zu werden, die ihr Leben auf Spitzenkarrieren ausrichten. Ich stimme ihr da zu. In der Generation unserer Eltern sind diejenigen, die mit hoher Energie gegen das Establishment opponierten, in den Institutionen nach oben gespült worden und haben dort mit ebenso hoher Energie Machtpositionen erarbeitet und befestigt. Unsere Opposition war weitaus weniger dramatisch, zögernder, dabei von einer leicht überheblichen Gleichgültigkeit unterstützt, ja zuweilen getragen, von der vielleicht erst heute deutlich wird, dass sie eine wirksame Kraft des Widerstands darstellt - nachhaltiger als das zornige Dagegen-Anrennen, dessen Aggressivität sich irgendwann in die Bindungsenergie dessen konvertiert findet, wogegen man angerannt ist. Und hinter unseren Ambitionen stand ein sehr klares "zu meinen Bedingungen", was im Zweifelsfall bedeutete: dann eben vorerst nicht.

Tatsächlich fällt mir diese Weigerung, am Leistungswettbewerb mit bedingungslosem Einsatz teilzunehmen, an vielen ungefähr gleichaltrigen Freunden und Kollegen auf. Es sind gar nicht alle erfolglos, manche sogar in sehr respektablem Maße erfolgreich und fast schon ein bisschen berühmt. Die meisten aber haben sich (wie ich) Nischen gesucht, wo sie etwas tun können, was sie wollen, ohne allzu schmerzhafte Zugeständnisse zu machen; und dafür nehmen sie das Ausbleiben des großen Durchbruchs in Kauf, ohne damit zu kokettieren (denn es ist eben bloß ein Ausbleiben, kein Verkanntwerden).

Ich will nicht darüber spekulieren, ob das auf bewusst getroffene Entscheidungen zurückgeht oder auf die Unfähigkeit, sich anders zu verhalten. Das, was ich charakterliche Größe nennen würde, verbindet sowieso beides. Aber bei aller Abneigung gegen Konstruktionen wie "Generation X", "Generation Y" hat es etwas Erfreuliches, mich als Angehörigen eines Zwischenalters zu sehen, dem, mit Rilkes (sicher unkorrekt zitierten) Worten, das Spätere noch nicht und das Frühere nicht mehr gehört. Und obgleich wir in der offiziellen Geschichte, die von den Späteren geschrieben werden wird, einmal als lost generation erscheinen oder vielmehr verschwinden dürften, genießen wir doch ein Privileg: Des in Klassenkampf sublimierten kleinbürgerlichen Ehrgeizes der 68er ledig, finden wir uns andererseits kaum imstande, uns in den Exzellenzkämpfen der Hartz IV-Gesellschaft mit mehr als dem Nötigsten zu engagieren, weil wir die existenzielle Panik nicht zu empfinden vermögen, die sie antreibt (wir sind schließlich auch sehr träge und abgesehen von einer gewissen Lust am Luxus fatal genügsam, wenn es um den Lebensstandard geht). Und sind daher frei, Dinge zu tun, für die weder damals Zeit war noch in Zukunft sein wird.

Ich beginne die Zeit meines manchmal anstrengenden, aber nicht eben hektischen Arbeitens immer mehr als ein solches Währenddessen zu schätzen: eine Gegenwart, die höchstwahrscheinlich a-historisch gewesen sein wird, weil weder die alte noch die neue Definition von historischem Fortschritt Verwendung für das hat, was sie hervorbringt - die aber eben dadurch auf wunderbar ungeizige Weise dauert und dem, was ich denke, etwas von der Freigiebigkeit ihrer Dauer verleiht.

17
Nov
2008

Obszöne Posen und R.

Einige alte Fotos von mir wiederentdeckt, auf denen ich angezogen in der Badewanne meiner damaligen Kreuzberger Wohnung obszöne Posen einnehme: an der Armatur des Wasserhahns nuckle wie an einer Brustwarze oder Eichel; mir den Duschkopf in die geöffnete Jeans schiebe; erschöpft wie von schweren Exzessen an der blassgelben Kachelwand lehne...

Als durchgeknallter Perverser bin ich erstaunlich überzeugend. Es gibt kaum ein anderes, 'normales' Bild, auf dem ich so ausdrucksvoll aussehe.

Die Fotos waren für R. bestimmt, die zu der Zeit noch in Tokyo wohnte. Sie fand sie schockierend, im wirklich negativen Sinne (den positiven schien sie gar nicht zu kennen). Wollte sie nicht auf ihrem Rechner speichern.

Es widerfährt mir oft gegen meinen Willen (oder ohne mein Wissen), dass ich die Liebe des anderen teste durch das, was ich für ihn tue. So kommen mir jetzt auch diese Fotos vor - sie sagen alle: Liebst du mich auch so noch? Und so...? Ich schlüpfe in die Rolle von etwas, was man auch verabscheuen könnte, und verlange, sich trotzdem (oder mehr noch: erst recht) zu mir zu bekennen.

Ein Bekenntnis, das R. nie ohne Einschränkung ablegen mochte, auch weil sie sensibler als ihre Vorgängerinnen auf den Zwang reagierte, den ich ihr damit antat. Bemerkenswerter Weise sind es gerade diese theatralen, halb ironischen Extremvarianten von mir, die sie stören. Wo meine wörtlichen Abgründe aufklaffen und ich wirklich nackt und hässlich dastehe, ist sie dagegen wunderbar gleichgültig und lacht nur, als hätte sie das schon lange gewusst.

16
Nov
2008

Sie

R. friert in ihrer Kölner Mansardenwohnung. Das soll sie nicht.

Ungeschützte Melodien

Gestern Abend nach langer Zeit wieder My Bloody Valentine gehört, deren Isn't Anything-Album mittlerweile in einer Remastered-Version erschienen ist. Und ich war entzückt davon, wie ungeschützt ihre Melodien klingen. Der dichte Sound ummantelt und verstärkt sie nicht, sondern wogt wie eine weiche Matratze unter den Knien eines Bekifften, und ein paar simple Töne, gezupft oder gesungen, schweben weiter oben in der Luft und könnten ebenso gut fallen. Wie wenn man Verletzlichkeit träumen könnte.

15
Nov
2008

Der Sex macht mich kaputt

Die Pornographie ist das letzte, aber beharrliche Residuum des Bildes in meinem Dasein - oder des Nicht-Schriftlichen, sollte ich wohl sagen: Der Großteil meines gesellschaftlichen Verkehrs findet im Internet oder per Email statt (wohingegen ich es Monate lang hinausschiebe, Freunde anzurufen, oder Treffen wegen "Arbeit" absage, die dann gemacht werden muss, um die entstandene Lücke zu füllen). Mein Beruf ist Schreiben (ich weigere mich, die Teile, die es nicht sind, als wesentlich zu akzeptieren). Die Arbeit, die nicht in die berufliche Zuständigkeit fällt, ist ebenfalls Schreiben. Sogar die Liebe wohnt, wenn nicht im Schmiegen, das mich zärtlich und beschwörend mit R.'s köstlicher Flachheit verbindet, dann in meinen Sätzen (wie für wahrscheinlich viele Schreibende ist Schreiben für mich eine Weise, die Welt zu lieben, was ohne dessen Indirektheit meist scheitert: Schreiben konstruiert Schwierigkeiten, an denen meine Liebe wächst, statt davon niedergedrückt zu werden).

Lediglich die Geilheit will etwas anderes als Schrift. Und das so vehement, dass es mir 'den Stift' (das Instrument zur Kontrolle des Unkontrollierbaren) aus der Hand reißt. Ich denke oft daran, pornographische Geschichten zu verfassen, um der Überwältigung durch die pornographischen Bilder zu entgehen, aber das will überhaupt nicht funktionieren. Es gelingt mir nicht, vom Schreiben geil zu werden, obwohl einen pornographischen Text zu lesen mich sehr schnell und stark in Erregung versetzt (ja, ich suche in Pornofilmen und auf Fotos geradezu nach der sprachlichen Dimension - was mich anmacht, ist ein unfreiwillig geiles Dialogfragment, ein Outfit oder eine Atmosphäre, die einer Formulierung entsprechen...). Und ebenso wenig kriege ich es hin, eine Wichsphantasie halbwegs so zu Papier zu bringen, wie ich sie erlebt habe. Die Motivation ist nach dem Kommen sowieso schwach, und sobald ich anfange zu schreiben, schleichen sich andere Interessen in das Begehren nach einem pornographischen Text ein: die Lust an der Reflexion, der Genuss an Brüchen, literarisch sonderbaren Formen, das, was ich meine "Romantik" nenne (die Lust am Unverhältnis zum Unendlichen mit jedem Wort).

Der Sex ist der härteste Widerstand in meinem Leben. Er beugt sich nicht. Er besteht auf etwas, was ich mir niemals werde erschreiben können. Er demütigt mich und macht mich kaputt.

14
Nov
2008

Auch tot?

Es ist gleich halb vier Uhr nachmittags, und von meiner Mitbewohnerin bislang kein Lebenszeichen. Kein Geräusch aus ihrem Zimmer nebenan. Nicht einmal das Knirschen des Bettes beim Umdrehen. Sie steht oft spät auf, aber so spät?

Die alte Vorstellung, der Tod sei selbst eine ansteckende Krankheit. "Kurz nachdem die Mutter gestorben war, fand man sie auch..." Ob ich probehalber an die Tür klopfen soll?
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